Die Linie überschreiten: Das Auf und Ab der Handwerksausbildung in Kanada und Neuseeland
Die Autorin und Herausgeberin D Wood hat sich in ihren letzten Publikationen „The Politics of Global Craft“ (2025) und „Craft is political“ (2021) intensiv und vielschichtig mit der politischen Wirkmächtigkeit von Handwerkstradtionen auseinandergesetzt. In diesem autobiographischen Essay reflektiert sie ihren Bildungsweg im Handwerk und setzt sich polemisch mit der Weiterentwicklung einiger für Handwerk verantwortlichen Bildungsinstitutionen in Kanada und Neuseeland auseinander. Dem Bedeutungsverlust, den handwerkliche Praktiken in der Ausgestaltung von Curricula an Hochschulen erlitten haben, stellt sie ein leidenschaftliches Plädoyer für die Werkschätzung einer handwerklichen Ausbildung entgegen.
Dieses Zitat[1] von Donald Lloyd McKinley beschreibt in schlichten Worten, was es bedeutet, wenn es keinen Ort gibt, an dem handwerkliches Lernen stattfinden kann. Don sagte das, als das Handwerksprogramm, das er ins Leben gerufen hat, bereits gut etabliert war und die Studierenden um einen Platz konkurrierten. Er wäre – so nehme ich an, denn er starb bereits 1998 – über den Zustand der Handwerksausbildung heute entsetzt, besonders an der School of Craft and Design (SOCAD, Schule für Handwerk und Design), die er von 1967 bis 1972 leitete und an der er 30 Jahre lang als Meister der Möbelwerkstatt tätig war.
Das Sheridan College im kanadischen Ontario wurde 1967 gegründet. Seine ursprünglichen Fakultäten waren Technik, Wirtschaft, angewandte und bildende Kunst sowie Design. Don McKinley kam aus den Vereinigten Staaten und wurde zum Leiter der Designfakultät berufen. Er leitete nicht nur das Programm, sondern unterrichtete auch in der Möbelwerkstatt. Seine Frau Ruth Gowdy McKinley, eine bekannte Keramikerin, entwickelte das Curriculum für die Töpferei. Die Fachbereiche Textil, Metall und Schmuck wurden 1969 durch den Bereich Glas ergänzt.
Ich lernte Sheridan Ende der 1980er-Jahre kennen, als ich in Teilzeit bei einer in England ausgebildeten Lehrkraft Handarbeitsdesign und -herstellung studierte. Wie in allen Kursen der SOCAD waren die Anforderungen rigoros. 1994 schrieb ich mich erneut ein, dieses Mal als Vollzeitstudierende für die Fachbereiche Textil und Möbel. Zu dieser Zeit waren die Werkstätten schon von Port Credit nach Oakville umgezogen, aber Don war immer noch der Meister für Möbelbau. Ich feierte meinen 45. Geburtstag als Handwerksstudierende, und eine ebenfalls schon ältere Glasmacherin sagte von dieser Erfahrung, es sei, als wären wir wieder im Kindergarten – wir spielten, waren kreativ, erwarben neue Fertigkeiten und setzten uns mit ungewohnten Materialien auseinander. 1998 schloss ich mein Studium mit einem Diplom in Handwerk und Design ab.
Meine solide Handwerksausbildung ermöglichte es mir, mein Möbelwissen an der berühmten Rhode Island School of Design zu erweitern, wo auch einige meiner Dozent*innen aus Sheridan unterrichteten. Nach meinem Abschluss hielt ich Vorträge über Innenarchitektur in den USA und Neuseeland, wo ich über handwerklich hergestellte Möbel und das Craft Movement jener Zeit promovierte. Meine Doktorarbeit wurde möglich, weil ich dank meiner Ausbildung in Kanada und den USA in der Lage war, auf der Grundlage von Interviews mit mehr als 30 Handwerker*innen ein Dokument zusammenzustellen, das einen großen Beitrag zur Kunst- und Designgeschichte Neuseelands darstellte.
Die Recherche für meine Promotion,[2] die ich 2009 bis 2012 durchführte, zeichnete den Niedergang des Handwerks nach. Dem Crafts Council of New Zealand (CCNZ), eine Vereinigung zur Förderung des Handwerks, wurde ab 1992 die staatliche Förderung entzogen. Das führte dazu, dass das Handwerk keine eigene Interessenvertretung mehr hatte und Creative New Zealand zur übergeordneten Organisation für alle Bereiche künstlerischer und handwerklicher Produktion wurde. Während eine tertiäre Handwerksausbildung eingerichtet wurde, rieten Vertreter*innen der CCNZ dem Bildungsministerium, für alle Neuseeländer*innen dieselben Ausbildungsmöglichkeiten zu schaffen: von der Spitze der Nordinsel bis zum unteren Rand der Südinsel wurden elf Handwerksprogramme vorgegeben. Allerdings änderte sich die Bildungspolitik 1989, sodass die Colleges sich nicht mehr an die Weisungen des Bildungsministeriums halten mussten. Als sie ihre eigenen Curricula erstellen konnten, entschieden sich die meisten Colleges für die bildende Kunst, die keine spezialisierten Lehrkräfte, besonderen Gerätschaften oder Räumlichkeiten erforderte.
Gleichzeitig gaben viele Primar- und Sekundarschulen ihre praktischen Fächer wie Holzarbeiten, Kochen oder Nähen zugunsten von Computern auf. Einige wenige Programme gibt es über das Land verteilt noch, aber die Standards und die Vielfalt des Handwerks haben sich grundlegend verändert, denn es ist einfacher, ein*e „Künstler*in“ zu sein, als sich den 10.000 Stunden zu verschreiben, die Richard Sennett veranschlagt, um ein*e Handwerksmeister*in zu werden.[3]
Interessanterweise nahm der Wētā Workshop, die kreative Heimat von Herr der Ringe, ihren Anfang 1987 in Wellington in Neuseeland, genau nachdem 1986 und 1987 die handwerkliche Ausbildung an den Community Colleges angeboten wurde. Die legendäre Filmreihe benötigte Handwerker*innen, um die Kulissen, Kostüme und Requisiten herzustellen. Das hatte aber keinen Einfluss auf den Erhalt der Handwerksausbildungen. Die Verschiebung von praktischen Lehrplänen zu einem Schwerpunkt auf Design und digitale Technologien hatte ohne Zweifel auch für den Wētā Workshop und seine computergenerierten Filmszenen Vorteile, doch die Ausstattung der Filme wurde von Handwerker*innen hergestellt, die ihre Fähigkeiten individuell erworben hatten.
Nachdem ich das Schicksal der Handwerksausbildung in Neuseeland beobachtet hatte, hat es mich schockiert zu hören, welchen Weg das Sheridan College Ende 2024 eingeschlagen hatte. Ich war davon ausgegangen, das Programm des Colleges sei in Stein gemeißelt und werden von den Kanadier*innen mit ebensolcher Ehrfurcht betrachtet wie von denjenigen, die dort gelehrt und gelernt haben. Seine Handwerksausbildung ist die Einzige ihrer Art in Kanada. Die hochwertige Ausbildung und der Output der Studierenden waren 50 Jahre lang beibehalten worden, und dennoch kündigte Sheridan an, ab September 2025 keine Studierenden mehr für die SOCAD anzunehmen. Die Konsequenzen dieser Entscheidung könnten katastrophal sein. Jede Verringerung oder Abschaffung der Lehre in den Bereichen Textil, Metall, Möbel, Keramik oder Glas in Sheridan wird nicht nur die Fortführung der Handwerkspraxis landesweit gefährden, sondern auch die Zahl qualifizierter und kreativer Lehrkräfte verringern, die handwerkliche Fertigkeiten an zukünftige Generationen vermitteln können. Das ist in Neuseeland passiert. KI, Digitaldruck und Herstellung am Computer, in die alle Universitäten in hohem Maß investieren, werden niemals die Produktion und die Beziehung zu anderen mit Hand und Herz ersetzen können.
Bei der Vorbereitung dieses Textes entdeckte ich, dass der Stand des Handwerks in Sheridan schon seit längerer Zeit unbedeutend geworden war. 2017, zu seinem 50. Jahrestag, produzierte das College ein Video. Abgesehen von einer Szene mit einer Person, die Ton ausrollt (den man auch für Nudelteig halten könnte), und mit einer Glasbläserin kommt das Thema Handwerk nicht vor, und es wird auch niemand aus dem Handwerksbereich vorgestellt.[4] Darüber hinaus findet sich auf der Webseite von Sheridan unter „Geschichte“ das hier: „Wenn Sie je einen Animationsfilm gesehen, eine Musicalaufführung besucht, Ihr Kind in einer Kita in Ihrer Nähe angemeldet, einen Sporttherapeuten aufgesucht oder eine kanadische Fernsehsendung gesehen haben, hat Sheridan Ihr Leben berührt.“[5] Sheridan hat mit seinem Handwerk Tausende Leben berührt, doch das wird hier nicht anerkannt.
Ich nahm Kontakt zu Mary Vaughn auf, Verwaltungsdirektorin und stellvertretende akademische Präsidentin von Sheridan. Als ich sie darauf ansprach, dass keine Handwerksstudierenden mehr aufgenommen werden, antwortete sie: „Diese Entscheidung war Teil eines umfassenderen akademischen Priorisierungsprozesses, der dazu dienen soll, dass unsere Programme nachhaltig, hochwertig und im Einklang mit den sich verändernden Anforderungen unserer Studierenden, Arbeitgeber*innen und der Gesellschaft bleiben. Wie viele Institutionen müssen wir mit Veränderungen bei den Einschreibungsmustern, verringerten Ressourcen und neuen Erwartungen der Studierenden umgehen. Das alles erfordert gut durchdachte und manchmal schwierige Entscheidungen.“[6]
Mary Vaughn sagte weiterhin, dass „der Aufnahmestopp nicht das Ende oder die Aufhebung der handwerklichen Ausbildung in Sheridan bedeutet“. Vielmehr beabsichtige das College, gemeinsam mit der internen und externen Community darüber zu beraten und nachzudenken, „ohne dass neue Studierende davon betroffen werden“. Es muss nicht besonders betont werden, dass Beratungen und Nachdenken langwierige Prozesse sind und das bedeutet, dass die Aussetzung der Handwerksausbildung Jahre dauern könnte. Ich möchte auch behaupten, dass Erfordernisse und Erwartungen in einem Zusammenhang entstehen. Die Canadian Craft Federation (Kanadische Handwerksvereinigung) und ihre Studie über den kanadischen Handwerkssektor aus dem März 2024 stellen eine „mangelnde Kenntnis [sic] des Handwerkssektors vonseiten staatlicher Behörden, Bildungsinstitutionen und Leistungsträgern“ fest.[7] Wenn man nicht weiß, dass es etwas gibt, erwartet man auch nicht, dass es einen betreffen könnte, schon gar nicht, dass es eine befriedigende und bereichernde Erfahrung sein könnte, einen handwerklichen Beruf zu ergreifen. Im Fall Sheridans, das sich mit den Emmys und Oscars seiner Animationsabsolvent*innen schmückt, ist das Schweigen über den langfristigen Wert der Fähigkeiten von Handwerker*innen geradezu ohrenbetäubend.[8]
Das Handwerk war ein Teil von Sheridans anfänglichem Daseinszweck – die Bereitstellung einer nichtakademischen, erfüllenden und ökonomisch lohnenden Ausbildung, die die Berufsaussichten für Kanadier*innen erweitern würden. Dieses Bedürfnis besteht noch immer, und seine Erfüllung ist für die Zukunft des Planeten Erde dringender nötig denn je. Es ist passend, am Ende noch einmal Don McKinley zu zitieren: „Unabhängig von ihrem Ruf braucht eine Handwerksschule viel Platz, und glücklicherweise haben wir immer Verwaltungen gehabt, die erkannt haben, dass kreative Bereiche unterstützt werden sollten. Die Verwaltungen wussten, dass das Handwerk für das Leben der Menschen eine Bedeutung hat, und zwar eine andere als zum Beispiel Sport. Jede Gemeinde hat ein Sportstadion, aber es gibt nur wenige Orte, an denen Kunst und Handwerk ausgestellt werden. Tatsächlich wird an vielen Sportarten kritisiert, dass es am Ende einen Verlierer gibt, während die Künste eher wie ein Marathon sind, bei dem wir jede und jeden feiern, die oder der es am Ende über die Ziellinie schafft.“[9]
promovierte an der University of Otago in Neuseeland in Design Studies (2012). Ihre Forschungen befassten sich mit der zeitgenössischen Handwerksbewegung und handgefertigten Möbeln in Neuseeland. Sie hat einen M. F. A. in Möbeldesign von der Rhode Island School of Design. Ihre Porträts von Craft-Praktikern sowie Ausstellungs- und Buchbesprechungen erscheinen in vielen internationalen Publikationen, darunter American Woodturner, Ceramics Monthly, Craft Research, Design Issues, Garland, Metalsmith und Surface Design. Sie wirkte als Herausgeberin und Autorin an Craft is political (Bloomsbury Visual Arts, 2021) und The politics of global craft (Bloomsbury Visual Arts, October 2025) mit.