Issue number: 5
05 February 2026
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Jun Tamaoki

Die Kuwasawa Design School (KDS) wurde 1954 von Yoko Kuwasawa gegründet, einer Modedesignerin und Vorreiterin bei der Einrichtung einer professionellen Designerausbildung in Japan. Von ihrer Gründung an waren das Curriculum und der Bildungsansatz der KDS vom System des Bauhauses inspiriert. Yoko Kuwasawa wollte diese progressiven Design- und Bildungsideen nach Japan bringen und daraus einen einzigartigen japanischen Ansatz entwickeln, der im lokalen sozialen und kulturellen Kontext verankert war.

1998 formalisierte die KDS ihr damaliges Curriculum und bot einen dreijährigen Tagesstudiengang und einen zweijährigen Abendstudiengang an, in denen seither zahlreiche Designer*innen ausgebildet wurden. Eine der hervorstechendsten Einrichtungen des Tagesstudiengangs ist der Kurs „Grundlagen des Designs“, zu dem Zeichnen, Bildhauerei, dreidimensionale Komposition, zweidimensionale Komposition sowie experimentelle Fotografie gehören. Diese Kurse wollen die gestalterischen Fähigkeiten der Studierenden durch praktische visuelle und haptische Erfahrungen entwickeln, und sie ermutigen dazu, Form, Raum und Komposition mit allen Sinnen neu zu bewerten.

Eine der wichtigsten Personen in der Entwicklung dieses Grundlagencurriculums war Masato Takahashi, ein Kunstlehrer und -praktiker, der Komposition unterrichtete. Takahashi betonte, wie wichtig es ist, durch persönliche Erfahrung zu lernen und der Form mit den eigenen Körperempfindungen zu begegnen. Die Einstellung, man müsse direkt mit den Materialien umgehen und „mit den Händen denken“, fördert nicht nur grundlegende gestalterische Fähigkeiten, sondern auch eine flexible Art des Denkens, die sich auf alle Designdisziplinen anwenden lässt.

Projektbeispiele der KDS sind unter anderem Handskulpturen, Formen, die aus seinem Stück Holz geschnitzt werden, sowie Aufgaben, bei denen leicht zugängliche Materialien wie Farbe oder Buntstifte benutzt werden, um spontan Formen zu gestalten. Diese Projekte legen Wert auf glückliche Zufälle und schließen unvorhersehbare Elemente in die Gestaltung ein, um das kreative Potenzial der Studierenden zu erweitern.

Texturen entstehen, wenn Farbe auf Papier gerieben wird. © Kuwasawa Design School
Blas- und Tropftechniken. © Kuwasawa Design School
Experimente mit Plastikfolie, um ausdrucksstarke Effekte zu erzeugen. © Kuwasawa Design School
Stempeln mit verschiedenen Materialien. © Kuwasawa Design School
Die Bedeutung handgefertigter Formen

Heute versetzen uns digitale Technologien wie 3-D-Druck und Modellierungssoftware in die Lage, effektiv und präzise komplexe Gestaltungen zu generieren, die von Hand oft nicht realisierbar sind. Dennoch können bestimmte Formen nur in manuellen Prozessen hergestellt werden: diejenigen, die aus einem Dialog zwischen Material und Produzent*in, durch Zufälle oder sogar Fehler entstehen.

An der Kuwasawa Design School bleiben Aufgaben, bei denen es um Herstellungsprozesse von Hand geht, ein entscheidender Teil des Curriculums. So tropfen oder schmieren Studierende in einem Projekt, das eine spontane Formgebung mit Farbe erfordert, vielleicht Tusche oder Farbe unkontrolliert aufs Papier und lassen so zu, dass unerwartete Formen zum Vorschein kommen. Die Studierenden beschneiden und bearbeiten dann das, was sie visuell ansprechend finden. Bei diesem Ansatz geht es weniger darum, Formen zu erschaffen; vielmehr sollen sie entdeckt werden. An diesem Punkt wird der intuitive Umgang mit Unsicherheit zu einem Schlüsselfaktor.

Ein anderes Beispiel ist das Handskulpturenprojekt, bei dem die Studierenden ein Stück Holz bearbeiten, bis es sich in ihren Händen angenehm anfühlt. Dabei verlassen sie sich ausschließlich auf ihr taktiles statt auf ihr visuelles Urteilsvermögen. Mit Sägen, Meißeln, Messern und Feilen gehen sie einen Dialog mit dem Material ein. Diese Aufgabe hat ihren Ursprung im New Bauhaus, das der frühere Bauhauslehrer László Moholy-Nagy in den USA gründete. Der Fotograf Yasuhiro Ishimoto, der selbst an der Schule in Chicago studiert hatte und später an der KSD lehrte, führte das Projekt auch dort ein. Seit ihrer Gründung legt die KDS Wert auf eine Ausbildung, die auf physischen Erfahrungen basiert.

Viele der KDS-Aufgaben – etwa die Handskulptur – folgen denselben Prinzipien wie das Handwerk und betonen den Dialog mit Materialien und die Kultivierung sinnlicher Erfahrungen. Weil es das mit der vom Bauhaus inspirierten modernen westlichen Funktionalität und Rationalität kombiniert, bildet das Curriculum der KDS eine einzigartige Fusion modernen Designs mit dem Geist japanischen Handwerks.

Einzigartige, von Hand gestaltete Formen (Handskulpturen). © Kuwasawa Design School
Ein mit Säge, Meißel, Messer und Feile bearbeitetes Holzstück. © Kuwasawa Design School
Handwerksorientierte Sensibilität und japanische Ästhetik

In Japan beinhaltet das Handwerk (kōgei) die Gestaltung natürlicher Materialien wie Holz, Ton, Metall, Textilien und Lack von Hand, um Gefäße, Werkzeuge, Kleidung oder Zierstücke herzustellen und dabei Schönheit in Zweckmäßigkeit zu manifestieren. In Japan verbindet das Handwerk technische Fertigkeit, regionales Erbe, Geschichte und das körperliche Bewusstsein von Hersteller*in und Nutzer*in. Der Dialog mit Materialien, tradierten Techniken und die Annahme glücklicher Zufälle bilden dabei wesentliche Komponenten. Die so entstehenden Formen mögen ungleichmäßig oder sogar asymmetrisch erscheinen, aber gerade in dieser einzigartigen Irregularität findet sich oft die Schönheit.

Eine Person, die dabei half, eine Brücke zwischen den östlichen und westlichen Philosophien der Ästhetik zu schlagen, war der buddhistische Gelehrte und Philosoph Daisetsu Teitaro Suzuki. In seinem Buch Zen und die Kultur Japans von 1940 schrieb er: „Wo man normalerweise eine Linie, eine Masse, ein Gegengewicht vermuten würde … ist nichts; und doch weckt diese ,Enttäuschung‘ ein Gefühl von heimlicher Freude in uns. Kleine Fehler und Mängel mögen sichtbar sein, aber man empfindet sie nicht als solche; die Unvollkommenheiten selbst werden zu einer Art von Vollkommenheit. Schönheit hat also nicht unbedingt mit Vollkommenheit der Form zu tun. Und das ist einer der beliebtesten ,Kunstgriffe’ japanischer Künstler: die Schönheit in unvollkommenen oder gar hässlichen Formen zu verkörpern.“[1]

Diese Ästhetik passt zu der Vorstellung, dass sich Schönheit aus der Unregelmäßigkeit natürlicher Materialien und den Transformationen ergeben kann, die aus Zufall entstehen. Dieses ästhetische Wertesystem unterscheidet sich von den westlichen Idealen der Symmetrie und Perfektion – es findet „Perfektion im Unperfekten“.

Formen entdecken, die angenehm zu berühren sind. © Kuwasawa Design School
Holz wird über das hinaus gestaltet, was Sehen allein erreichen kann. © Kuwasawa Design School
Der Wert der Handarbeit in der Zeit von KI

Die jüngsten Fortschritte bei der künstlichen Intelligenz (KI) verändern den Bereich des Designs rapide. Die KI kann aus riesigen Datensätzen lernen und sofort unendlich viele Varianten von Form generieren. Diese Fähigkeiten versprechen ein enormes Potenzial für die Zukunft des Designs. Zugleich wird aber die Form, die aus der körperlichen Interaktion mit Materialien entsteht – durch Zufall, Fehler oder Erfahrung – umso wichtiger werden. Die KI kann das Zusammenspiel zwischen dem menschlichen Körper und dem Material nicht vollständig nachbilden.

Während die von der KI generierte Form ein unvermeidlicher Bestandteil des Designs wird, bleibt die Arbeit von Hand – die Konfrontation der Materialien mit dem Körper und die Entdeckung der Form durch das Unperfekte – für Design als menschliches Bestreben essenziell. Selbst im digitalen Zeitalter betont der Ansatz der Kuwasawa Design School bei der formativen Bildung den „Dialog mit dem Material“ und ermutigt dazu, Formen mithilfe des Zufalls zu erschaffen. In diesem Sinn ist ihre Pädagogik entschieden auf das Handwerk ausgerichtet und repräsentiert alternative Methoden der Formgestaltung, die sich von der KI unterscheiden. Eben weil wir uns im Zeitalter der KI befinden, gewinnen die Formen und Prozesse, die nur aus dem Zusammenspiel von Mensch und Material entstehen, erneut an Wert.

Jun Tamaoki

machte seinen Masterabschluss in Design an der Graduate School of Art and Design der Universität von Tsukuba. Er arbeitete in Kreativstudios an Webseiten, Smartphone-Apps und VR-Inhalten. 2019 wurde er Dozent an der Kuwasawa Design School im Fachbereich Formative Design, wo er Grundlagen des Designs und Komposition unterrichtet. Zu seinen wichtigsten Ausstellungen und Preisen gehören das Japan Media Arts Festival, die Echigo-Tsumari Art Triennale, SIGGRAPH E-Tech, IVRC (Großer Preis) und die Lumière Japan Awards (Spezialpreis der Jury in der Abteilung VR).