MADE IN Platform als pädagogisches Tool und Katalysator für kulturellen Austausch im Handwerk
MADE IN entstand aus einem Zusammenspiel von lokalem Handlungsbedarf und globalen Erkundungen zu Design und Handwerk. Im Laufe der Jahre hat sich das Projekt ständig weiterentwickelt und ist 2018 – nun unter dem neuen Namen MADE IN Platform – zu einer vollständigen transnationalen Initiative geworden, die auf lokalen Forschungen aufbaut und zugleich die weiteren systemischen Themen Nachhaltigkeit, Tradition, materielle Kultur und interdisziplinärer Wissensaustausch bearbeitet. Die erste Gestalt der Plattform, das Projekt Ilica, initiierte das Oaza-Kollektiv 2013 in Zagreb und reagierte damit auf das Verschwinden traditioneller Handwerke und kleiner Produktionsbetriebe aus der postsozialistischen städtischen Landschaft. Ivana Borovnjak, Gründungsmitglied von MADE IN, reflektiert mit Astrid Suzano und Jacob Strobel als Vertreter*innen von assoziierten Institutionen und Initiativen über die Herausforderungen, Aufgaben und die pädagogische Kraft des Netzwerkes. Katja Klaus und Philipp Sack stellten die Fragen.
Wie ist das Projekt “Made IN” entstanden?
Derzeit bringt MADE IN verschiedene Organisationen aus ganz Europa zusammen, seien es zivilgesellschaftliche Initiativen wie Passa Ao Futuro oder große Institutionen wie die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD), das Museum für Architektur und Design (MAO) in Ljubljana (dem zurzeit die Plattformkoordination obliegt) und die Westsächsische Hochschule Zwickau (WHZ). Die Plattform hat die Funktion einer transdisziplinären Initiative für Forschung, Design und Kulturerbe und fördert die Zusammenarbeit und den Wissensaustausch unter Designer*innen, Handwerker*innen, Wissenschaftler*innen und Kulturschaffenden.
Ihre Struktur beruht auf drei miteinander verbundenen Komponenten: der Knowledge Atlas (Wissensatlas) dient als ein sich weiterentwickelndes Kompendium traditioneller Techniken, regenerativer Materialien und zeitgenössischer wissenschaftlicher Ansätze, die Kooperationen aktivieren den Atlas durch Residencys, Workshops, Sommerkurse und andere Formen der Zusammenarbeit, und die Dialoge eröffnen neuen Raum für die kritische Reflexion durch öffentliche Veranstaltungen, Symposien und Publikationen.
Was als bescheidener Versuch begann, die Handwerker*innen in unserer Nachbarschaft zu dokumentieren und zu unterstützen, ist zu einer lebendigen, polyfonen Plattform herangewachsen, die betrachtet, wie wir Dinge herstellen, wie wir lernen und uns über Disziplinen und Geografien hinweg verbinden – durch Beziehungen, verkörperte Praktiken und eine gemeinsame Verantwortung für Materialien, Orte und für einander.
Wie kam eure Verbindung – sowohl persönlich als auch institutionell – mit dem Netzwerk MADE IN zustande?
Während MADE IN sich von der Ilica-Straße in Zagreb in ein robustes europäisches Netzwerk aus Institutionen und Praktiker*innen verwandelte, setzte sich Passa Ao Futuro für den dringend gebotenen Erhalt einer Kultur von einer anderen Seite ein – durch Archivrecherchen, Arbeit vor Ort und institutionelles Engagement für Portugals immaterielles Erbe.
Passa Ao Futuro wurde gegründet, um gefährdete Handwerkspraktiken überall in Portugal zu dokumentieren und aktivieren. Dabei wollen wir sicherstellen, dass die traditionellen Wissenssysteme – die oft von alternden Handwerkern in ländlichen und halbstädtischen Gebieten bewahrt werden – nicht nur erhalten, sondern auch auf sinnvolle Weise in neue kulturelle, ökologische und pädagogische Kontexte eingefügt werden. Passa Ao Futuros Arbeit überbrückt die Lücke zwischen überlieferter und zeitgenössischer Kultur und nutzt dazu eine Methode, bei der Oral History, konkrete Fertigkeiten, Design und interdisziplinäre und intergenerationelle Übermittlung als Werkzeuge für die Zukunftsgestaltung genutzt werden.
Die Verbindung zwischen den beiden Initiativen wurde durch das Forum Towards a Bauhaus School Europe: Workshops for the whole earth in Gang gesetzt, dass die Stiftung Bauhaus Dessau 2021 veranstaltete. Dort lernte Fatima Durkee, eine der Gründer*innen von Passa Ao Futuro, Ivana Borovnjak und Maja Kolar vom Oaza-Kollektiv kennen. Was als eine Präsentation begann, bei der die beiden Projekte etwas über die Arbeit des jeweils anderen erfuhren, wurde zu einem gemeinsamen Zweck. Während MADE IN einen paneuropäischen Rahmen für gemeinsame Experimente bot, hatte Passa Ao Futuro lokalisierte, intensive Forschungen und ein Netzwerk aus aktiven Handwerker*innen zu bieten, die in den portugiesischen Traditionen verwurzelt sind. Unser beiderseitiges Interesse an Nachhaltigkeit, Materialwirksamkeit und Wissenstransfer führte zu einem gemeinsamen Antrag (mit acht weiteren Partnern) auf eine Förderung von Creative Europe.
Statt Projekte nebeneinander laufen zu lassen, ist die Beziehung zwischen Passa Ao Futuro und MADE IN ein Beispiel für die Verschiebung hin zu kollektiver Autorenschaft und verbreitetem Wissen. Das stellt die Aufteilung in Mitte und Peripherie, Vergangenheit und Zukunft, Archiv und Aktion infrage. Vereint in dem Glauben an das soziale und ökologische Potenzial von Making tragen die beiden Initiativen zu einer breiteren neuen Vorstellung von Handwerk bei – nicht in einem nostalgischen Sinn, sondern als dynamischer Ort des Widerstands, der Regeneration und der Möglichkeit.
Ich lernte das Projekt MADE IN durch Thomas Geisler kennen, den Direktor des Museums für dekorative Kunst in Dresden, der damals nach einem Veranstaltungsort suchte, an dem er die Abschlussausstellung der ersten Ausgabe von MADE IN zeigen konnte. Zur gleichen Zeit suchte ich nach Möglichkeiten für meine Studierenden, ihre Arbeiten international zu präsentieren und praktische Erfahrungen mit dem Kuratieren zu sammeln. Wegen der Covid-Pandemie war eine Teilnahme an internationalen Messen nicht möglich – so entstand die Idee, die internationale Bühne nach Schneeberg in Sachsen zu bringen, indem wir Gastgeber für die Ausstellung von MADE IN sowie für die Studierendenprojekte wurden.
Die Fakultät für angewandte Kunst Schneeberg baut auf einer 150-jährigen Tradition in der Designausbildung auf. Im Zentrum unseres pädagogischen Ansatzes steht, was wir das „Werkstattprinzip“ nennen: eine Praxis, die auf der Interpretation regionalen Handwerkserbes beruht, den Gebrauch vorwiegend natürlicher Materialien und die Entwicklung und Umsetzung von Konzepten in unseren gut ausgestatteten Werkstätten. Dieses Ethos passte sehr gut zu den Werten, die Ivana für MADE IN formuliert hatte. Darum sind wir in der zweiten Runde des Projekts zu diesem Konsortium gestoßen.
In meiner Rolle als Leiter des Fachbereichs Holzdesign/Möbel- und Produktdesign begeisterte mich die Idee sofort, junge internationale Kreative dazu einzuladen, in die reiche, aber oft übersehene Handwerkstradition des Erzgebirges einzutauchen. MADE IN bot ein einzigartiges Gerüst, um diese lokalen Praktiken mit größeren kulturellen, ökologischen und pädagogischen Diskursen zu verbinden.
Wie wird Handwerk in diesem Projekt definiert, und wie setzt ihre eure eigene Praxis dazu in Bezug?
Die Plattform MADE IN betrachtet das Handwerk als verortetes, konkretes und oft generationenübergreifendes Wissenssystem, das eng mit dem Ort, der Ökologie, Materialität und der Gemeinschaft verbunden ist. Folgt man Denker*innen wie Richard Sennett, heißt Handwerk nicht nur „gute Arbeit“, sondern bietet auch einen Rahmen, in dem die Praktiken des Herstellens lokalisiert, hinterfragt und erschlossen werden.
Als Mitbegründerinnen von MADE IN lenken wir ständig, wie sich die Plattform entwickelt. Dafür kuratieren wir den Inhalt, aber auch die Art des Arbeitens, damit ein langfristiges Engagement gewährleistet ist. Handwerk wird in diesem Sinn zu einem Tool, mit dem die Wertesysteme neu gedacht werden können, mit dem der Standardisierung widerstanden und langsamere, gegenseitige Ansätze des Wissensaustauschs gefördert werden können.
Dieses erweiterte Verständnis erlaubt es uns, verschiedene Praktiken miteinander zu verbinden – von der Beschäftigung mit regenerativen Materialsystemen bis zur Unterstützung für verschwindende Fertigkeiten und ortstypische Traditionen. Ob durch Forschung, Residencys oder Ausstellungen – das Handwerk wird als lebendiges und anpassungsfähiges Feld betrachtet, von dem wir glauben, dass es für gerechtere und nachhaltigere Zukünfte relevant ist.
Während MADE IN das Handwerk als eine verortete, relationale Praxis betrachtet, die in materielle, soziale und ökologische Systeme eingebettet ist, steuert Passa Ao Futuro einen ergänzenden Schwerpunkt dazu bei, wie Design als Katalysator für eine Fortsetzung und Transformation traditionellen Wissens dienen kann. Für uns ist das Handwerk nicht nur etwas, das es zu bewahren gilt. Wir wollen es auch aktiv neu denken – durch designgeleitete Prozesse, die Innovation fördern und zugleich die Integrität der alten Fertigkeiten ehren.
Für uns ist Innovation für den Erhalt des Handwerks von entscheidender Bedeutung. Unsere Arbeit beruht sehr auf Forschung, dem Verständnis der Vergangenheit, um sich die Zukunft vorzustellen. Sie unterstützt Handwerker*innen dabei, ihre Arbeit an die aktuellen Realitäten anzupassen – sei es durch neue Formen der Zusammenarbeit, Zugang zu alternativen Märkten oder die Integration nachhaltiger Materialien und Methoden. Indem wir Design mit dem Handwerk auf der Basis von gegenseitigem Respekt verbinden, wollen wir Wege zu ökonomischer Tragfähigkeit, generationenübergreifendem Austausch und ökologischem Verantwortungsbewusstsein erschaffen. Dieser Ansatz erweitert die Definition von Bewahrung über das Archivieren oder Sichern hinaus und schließt Aktivierung und Entwicklung ein. In der Praxis bedeutet das, den Austausch zwischen Handwerker*innen und Designer*innen zu ermöglichen und zu kuratieren, Werkzeuge für eine nachhaltige Produktion zu entwickeln und kreative Modelle zu pflegen, die die ländlichen Ökonomien und Gemeinden unterstützen. Wir glauben, dass das Handwerk in diesem Sinn ein Ort der Möglichkeiten ist, an dem Tradition und Innovation zusammenkommen, um sozial gerechte und umweltbewusste Zukünfte zu gestalten.
Wir identifizieren uns sehr mit der Definition von Handwerk, wie sie auf der Plattform MADE IN zu finden ist, und wir sehen auch viele Parallelen vor allem mit dem Ansatz von Passa Ao Futuro. An unserer Fakultät ist Handwerk nicht nur ein grundlegendes Element der Lehre, sondern auch eine Methode der kreativen Forschung. Ideen unmittelbar in der Werkstatt zu entwickeln und umzusetzen, ermöglicht es den Händen mit Materialien und Prozessen Design aktiv zu gestalten. Glückliche Zufälle werden genutzt, und das direkte taktile Feedback wird zur Inspirationsquelle. Sich mit dem Widerstand des Materials zu befassen, fördert einen tieferen Respekt vor natürlichen Ressourcen und dem Wert qualifizierter Handarbeit.
Für uns beginnt Handwerkskunst nicht mit der Ausführung eines Entwurfs, sondern mit der Recherche – historischer Techniken, regionaler Traditionen und nachhaltiger Praktiken. Dazu gehört alles vom Fällen und Verarbeiten eines Baums bis zur Beschäftigung damit, wie bestehende Objekte repariert oder umgenutzt werden können. Angesichts der globalen Digitalisierung und des Niedergangs der praktischen, taktilen Aktivitäten wird die Vermittlung von Handwerksprozessen an Amateur*innen zu einer immer wichtigeren Aufgabe für angehende Designer*innen.
Immer häufiger entwickeln unsere Studierenden partizipatorische Objekte und werkstattbasierte Formate, die zum Dialog und gemeinsamen Erschaffen einladen. Viele unserer Beiträge für die Plattform MADE IN kommen direkt von unseren Studierenden und Absolvent*innen. Sie demonstrieren, wie das Handwerk sowohl als pädagogisches Tool als auch als Katalysator für kulturellen Austausch dienen kann.
Welche Art von Projekten habt ihr im Zusammenhang mit der Plattform implementiert? Kann jeder von euch ein jüngeres und/oder besonders relevantes Unternehmen vorstellen?
Einer der Beiträge zu der kürzlich gelaufenen Ausstellung Future Legacies in Ljubljana und Schneeberg kam von Robertina Šebjanič, die das versteckte Erbe der im Meer entsorgten chemischen Waffen untersucht, indem sie wissenschaftliche Forschung, Storytelling und das lokale Handwerk miteinander verbindet, um zu ökologischer Verantwortlichkeit aufzurufen. Dann sind da noch Cécile Feilchenfeldt, die mit ihren architektonischen Strickwaren das sächsische Handwerkserbe für zeitgemäße Mode neu interpretiert, und Kim Cordes, die den Lebenszyklus von Seide und Wolle mithilfe nachhaltiger textiler Praktiken verlängert. Trajna und Debra Solomon aktivieren wilde urbane Ökologien mit handwerksbasierten Biodiversitätskorridoren, während Biomatters ökologische Materialien und Sanierungsstrategien fördert, um die Biodiversität zu schützen. Igor Eškinja erfindet die uralte Herstellung von Purpurfarbe als Brücke zwischen Kulturerbe, Wissenschaft und Ökologie neu, und SOLL arbeitet mit Silvio Vujičić und Miro Roman daran, Handwerk, Design und künstliche Intelligenz zu einer Neuinterpretation des Mittelmeerraums als grenzenloses, datenreiches, kulturelles und materielles Netzwerk zu verschmelzen. Es waren noch viele andere in der Ausstellung vertreten, denen wir sehr dankbar sind, selbst wenn wir hier nicht alle namentlich aufführen können. Obwohl sie im Hinblick auf Form und Medium sehr unterschiedlich waren, erschaffen alle diese Arbeiten einen neuen Rahmen für die handwerkliche Produktion in einer sich schnell verändernden Welt.
In Portugal organisierte Passa Ao Futuro fünf Residencys und eine Summer School, in denen es um pflanzenbasiertes Design ging. Obwohl sich ihre Ansätze und Formate unterschieden, hatten sie doch ein gemeinsames Ziel. Das macht es schwierig, eines davon als das repräsentativste auszusuchen.
Beide Initiativen förderten die Zusammenarbeit, wenn auch unter unterschiedlichen Bedingungen. In den Residencys arbeiten ein*e Designer*in und ein*e Handwerker*in zusammen an einer kleinen, marktreifen Kollektion. Dabei braucht der Designer oder die Designerin nicht notwendigerweise praktische handwerkliche Fähigkeiten. Im Gegensatz dazu bringt die Summer School Handwerker*innen mit jeweils zwei Studierenden zusammen. Dort erlernen und üben die Teilnehmer*innen das Handwerk mit den Fachleuten und erstellen so gemeinsam eine Kollektion.
Beide Programme legen Wert auf Nachhaltigkeit und fordern von allen Entwürfen, dass sie sich an den Prinzipien von Cradle to Cradle und Kreislaufwirtschaft ausrichten.
Unser repräsentativster Beitrag zur Plattform MADE IN war eine Workshopreihe, die sich auf den nachhaltigen Gebrauch von regionalen Holzquellen im Erzgebirge konzentrierte, eine Region, die von Mangel und Erfindergeist geprägt ist. Das Projekt erkundete, wie traditionelles und aktuelles Design zusammenkommen können, um die heutigen ökologischen Herausforderungen vor allem angesichts des Klimawandels und der neuen Holzknappheit durch Monokulturen und Waldsterben anzugehen.
Das Programm brachte Studierende und junge Berufstätige aus ganz Europa zusammen und begann wortwörtlich an der Wurzel, nämlich im Wald. Die Teilnehmer*innen waren beim Holzrücken mit Pferden dabei – einer energiesparenden Holzerntemethode mit geringen Umweltauswirkungen –, bevor sie mit frisch geschnittenen Fichtenspänen in einem Workshop Spankörbe herstellten. Unter der Leitung von Annette Rüffer und ihrem Vater Gunther stellte der Workshop eine traditionelle Technik vor, die ohne Schnittverluste oder energieintensives Trocknen einen einzelnen Stamm in ein geflochtenes Objekt verwandelt. Der Prozess verbindet maschinelle Schritte mit Handarbeit und ist ein eindrucksvolles Beispiel für die Kreislaufnutzung von Ressourcen.
Was dieses Projekt besonders spannend machte, war seine experimentelle Dimension: die Neuinterpretation des Spankorbs zu einem Hocker. Indem sie sich mit einem handgeschriebenen Archiv über Spankorbgrößen befassten, fanden die Teilnehmer*innen heraus, wie eine althergebrachte Technik an neue Funktionen angepasst werden kann. Diese praktische, vom Material bestimmte Erkundung hat nicht nur das Verständnis der Teilnehmer*innen von ökologischem Design und Wertebewusstsein vertieft, sondern auch hervorgehoben, welches Potenzial im Handwerk als einer flexiblen, sich weiterentwickelnden Praxis steckt, die ihre Wurzeln an einem Ort und in einer Gemeinschaft hat.
Wie setzt ihr diese Projekte mit eurer Bildungspraxis in Beziehung?
Bildung ist kein vom Rest der Plattform MADE IN getrennter Strang – sie ist ein integraler Bestandteil für die Funktion und Entwicklung der Plattform. Von Anfang haben wir uns MADE IN als einen Raum für den Wissensaustausch unter verschiedenen Disziplinen, Generationen und kulturellen Kontexten vorgestellt. So gesehen ist die pädagogische Dimension sowohl beabsichtigt als auch eingebettet. Ob durch den Knowledge Atlas, der als ein offenes und sich weiterentwickelndes pädagogisches Archiv dient, oder durch Workshops, Symposien oder Residencys – die Plattform ermutigt zum Lernen als verorteter, gegenseitiger, in der Plattform verankerter Prozess.
Die Residencys und die Summer School, die Passa Ao Futuro im Rahmen der Plattform MADE IN organisiert, haben einen engen Bezug zu unserem weiteren Bildungsprogramm und unserer Mission, denn sie sind tief in der Bewahrung und Förderung des portugiesischen Handwerkserbes verwurzelt und ermutigen zugleich durch gemeinschaftliches Lernen und Designdenken zu Innovation und Nachhaltigkeit. Sie reflektieren unsere Bildungsphilosophie, die eine Verschmelzung von Forschung, Aktivierung und Ausbildung anstrebt, um die Fortsetzung und Weiterentwicklung der portugiesischen Handwerkskunst auf eine sozial und ökologisch nachhaltige Weise durch ein gemeinsames, interdisziplinäres und generationenübergreifendes Engagement sicherzustellen.
Als Bildungsinstitution haben wir uns innerhalb der Plattform MADE IN bewusst auf einen kompakten und intensiven Transfer von Wissen und Fertigkeiten beschränkt. Die Workshops, die wir angeboten haben, können als eine konzentrierte Version unserer breiteren Unterrichtspraxis betrachtet werden – praxisorientiert, materialbasiert und im kontextuellen Lernen verwurzelt. Die Möglichkeit, dieses Format durch Impulsvorträge, Exkursionen und interdisziplinären Input zu bereichern, wurde durch eine Förderung der EU möglich und bildete eine wertvolle Erweiterung unseres normalen Curriculums. Zwar ließ der eingeschränkte Zeitrahmen keine tieferen künstlerischen Erkundungen zu, doch erhielten die Teilnehmer*innen einen informativen Einblick in das Studium angewandter Kunst.
Zugleich hat die Plattform einen dauerhaften Einfluss über die Workshops hinaus generiert. Die Verbindungen und Forschungen, die von MADE IN initiiert wurden, haben unserer Universität neue Wege eröffnet. So wurde der Korbflechtworkshop – der eigentlich als eine kurze Veranstaltung geplant war – für das kommende Wintersemester zu einem vollständigen Semesterprojekt erweitert, und die Studierenden können sich intensiver mit dem Thema befassen und substanzielle künstlerische Ergebnisse erzielen.
Darüber hinaus hat die Sichtbarkeit dieser Projekte geholfen, das öffentliche Bewusstsein für fast vergessene Handwerkstraditionen zu stärken. Im Fall des Korbflechtens hat sich vor Ort eine Interessengemeinschaft gebildet, um sich weiter mit der Erkundung und der Bewahrung dieses kulturellen Erbes zu befassen. So reicht die pädagogische Wirkung des Projekts über das Klassenzimmer hinaus – in die Gemeinde, die Region und in den weiteren Diskurs über nachhaltiges Design und kulturelles Fortbestehen.
Wenn du auf das MADE-IN-Programm zurückblickst, wie beurteilst du seinen Nutzen? Gibt es Pläne für seine Fortsetzung auch über 2025 hinaus?
Im Rückblick ist eines der wertvollsten Ergebnisse der Plattform MADE IN ihre Bemühung um eine Veränderung des Narrativs über das Handwerk – weg von Nostalgie und Bewahrung hin zu etwas Dynamischeren, Spekulativeren und Zukunftsorientierterem. Statt das Handwerk als ein statisches kulturelles Überbleibsel zu behandeln, hat die Plattform es neu definiert als eine Art zu denken, zu forschen und zu produzieren, die für das Leben heute von großer Wichtigkeit ist.
Diese Verschiebung wurde von einem disziplinenübergreifenden Netzwerk aus Designer*innen, Handwerker*innen, Kurator*innen, Wissenschaftler*innen und Lehrenden bewirkt, die alle in unterschiedlichen Kontexten arbeiten und doch durch ein gemeinsames Engagement für die ethische, ökologische und kulturelle Dimension des Produzierens miteinander verbunden sind. Der Knowledge Atlas, der nun über 150 Einträge verfügt, spiegelt das wider. Seine Artikel umfassen traditionelles Handwerk, regenerative Materialien, ökologische Praktiken und wissenschaftliche Fortschritte und bilden eine Wissenskarte, die sich weiterentwickelt und sowohl geerdet als auch experimentell ist.
Die Ausstellungen von MADE IN haben auch bei der Verstärkung des öffentlichen Engagements eine Rolle gespielt. Die Ausstellung Crafts and Design Narratives im Jahr 2020 und die aktuelle Show Future Legacies in Ljubljana und Schneeberg sind nicht einfach nur Schaukästen – es handelt sich dabei um diskursive Plattformen, die die Forschung, Methodik und Zusammenarbeit aktivieren, die im Lauf des Programms entstanden sind. Sie machen sichtbar, auf welch vielfältige Weisen das Handwerk mit Bildung, Materialinnovationen, Regeneration der Umwelt und kultureller Reflexion zusammenwirken kann.
Und was als Nächstes kommt? Während der aktuelle Zyklus 2025 formal beendet ist, sind die Grundlagen zum Weitermachen bereits geschaffen. Wir sind schon mit Kollaborator*innen, Institutionen und neuen Partner*innen im Gespräch über den Erhalt und das Wachstum der Plattform, etwa durch zukünftige Publikationen, erweiterte digitale Tools und Bildungsformate, die den Schwung der bisherigen Arbeit nutzen. MADE IN war nicht als geschlossenes Projekt geplant, sondern als eine lebendige Struktur, die auf veränderte Bedingungen reagiert. Die Arbeit geht weiter – ebenso wie das Lernen.
● Ivana Borovnjak ist Kulturschaffende und lebt in Zagreb und Gründungsmitglied des Kunst- und Designkollektivs Oaza. Sie arbeitete in den Bereichen Design, Kuration und Forschung undbefasst sich mit der Schnittstelle von Design, Kunst und kritischer kultureller Produktion. Von 2013 bis 2017 war sie Direktorin der Kroatischen Designervereinigung und als Kreativdirektorin, Kuratorin und Managerin für eine Reihe von Kulturplattformen, Festivals und Bildungsinitiativen verantwortlich. Zurzeit ist sie eine der Leiterinnen von MADE IN, einem Projekt für die handwerkliche und lokale Produktion, sowie Oaza Books, eine unabhängige Publikationsplattform für Kunst und Design. ● Astrid Suzano hat einen M. A. in Architektur und arbeitete in Architekturbüros in Rotterdam und Mexiko-Stadt. 2013 wurde sie Co-Direktorin einer Galerie für zeitgenössische Kunst in Lissabon und arbeitete später am Projeto Lygia Pape mit, das große Ausstellungen im Metropolitan Museum in New York (2017) und Moderna Museet in Stockholm (2018) organisierte. 2016 gründete sie gemeinsam mit Fatima Durkee die gemeinnützige Organisation Passa Ao Futuro, die Designer*innen und Handwerker*innen zusammenbringt, um das immaterielle Kulturerbe Portugals zu aktivieren, zu fördern und dabei Innovationen anzustoßen. Als CEO von Passa Ao Futuro ist Astrid für die strategische und betriebliche Ausrichtung der Organisation verantwortlich und kümmert sich um Partnerschaften, Finanzierung und die langfristige Perspektive. Sie kuratiert darüber hinaus die Residencys und Ausstellungen und gestaltet Programme, die einen bedeutenden Dialog zwischen zeitgenössischem Design und traditionellem Handwerk fördern. ● Jacob Strobel ist ausgebildeter Tischler und Möbeldesigner sowie Professor für Holzgestaltung. Er entwickelt und gestaltet seit vielen Jahren Vollholzmöbel für den internationalen Markt und verschmilzt dabei ökologische Aspekte mit überraschenden Funktionalitäten. Er fordert seine Studierenden dazu heraus, ihren eigenen individuellen Designansatz zu finden, und ermutigt sie, als Grundlage dafür tatsächlich Dinge zu machen. Seine Forschung wird von seinem Interesse an Alltagsgegenständen, ihrem gesellschaftlichen und designhistorischen Hintergrund und ihrem Potenzial angetrieben, etwas zu einer nachhaltigen Zukunft beizutragen. ● Oaza (Nina Bačun, Ivana Borovnjak, Roberta Bratović, Tina Ivezić, Maja Kolar und Maša Poljanec) ist ein Kunst- und Designkollektiv mit Sitz in Zagreb, das sich als Kuratorinnen, Forscherinnen und Herausgeberinnen mit kritischen Dimensionen von Design befasst. Als Gründerinnen der MADE IN Platform for Contemporary Crafts & Design fördert Oaza den Wissensaustausch zwischen Handwerker*innen, Designer*innen und Wissenschaftler*innen und gestaltet nachhaltige Produktion sowie den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen in kulturellen und überlieferten Kontexten.