Amereida: Schule, Durchquerungen und die Ciudad Abierta
An der Escuela de Arquitectura y Diseño (Fakultät für Architektur und Design) der Päpstlichen Katholischen Universität in Valparaíso in Chile beruht die Arbeit auf der Beziehung zwischen architektonisch-designerischem Handwerk und Poesie. Die Grundlage dafür ist eine Vision, die bereits seit 70 Jahren besteht und bei der der Weg, der zu einem Verständnis von Architektur und Design führt, mit dem akustischen Erleben des gedichteten Worts verbunden ist.
Seit der Gründung der Fakultät 1952 ermöglicht die Verbindung von Dichtung und Architektur- und Designpraxis es, einen komplexen, reflektierenden Blick darauf zu werfen, was es bedeutet, Amerikaner*in zu sein, und welche Beziehung man als solche*r zur Welt hat. 1965 kam es in diesem Zusammenhang zur ersten Traversía (Durchquerung), einer poetischen Reise über den südamerikanischen Kontinent von Feuerland in Chile bis Santa Cruz de la Sierra in Bolivien, die die Gründer*innen der Fakultät mit einer Gruppe aus Künstler*innen, Philosoph*innen, Dichter*innen und Bildhauer*innen aus verschiedenen Ländern unternahmen. Auf der Grundlage dieser Erfahrung schrieben sie ihr visionäres Gedicht Amereida, das von Vergils Aeneis und dem Seefahrer Amerigo Vespucci inspiriert ist. 1971 folgte das Abenteuer der Gründung der Ciudad Abierta, der Offenen Stadt, die einen bis heute einzigartigen neuen Horizont für die Lehre von Architektur und Design eröffnete.
Das Gedicht Amereida bezieht sich auf die als Kreuz des Südens bekannte Sternenkonstellation. Ihre vier Himmelsrichtungen stehen darin für die Ursprünge Amerikas in der Karibik, das Abenteuer des Pazifiks, den Anker des Südpols und das Licht des Atlantiks steht. Damit werden innerhalb des Sternbilds die Achsen „unseres eigenen Nordens“ nachgezogen und die Beziehungen identifiziert, die es uns ermöglichen, unseren Kontinent aus einer ursprünglichen Perspektive zu betrachten. Die Traversía stellt die europäische Tradition, „den alten Diebstahl“, des amerikanischen Binnenmeers, wie der südamerikanische Kontinent im Gedicht Amereida genannt wird, des Pazifiks und des heutigen Lebens auf diesem Kontinent infrage, der von Ureinwohner*innen, Mestiz*innen und Einwander*innen bewohnt wird. Die Traversía findet seit 1984 jedes Jahr statt, um Amerika zu erkunden. Das bedeutet, dass die Teilnehmer*innen die Bereitschaft und den Willen haben, sich den bedeutenden aktuellen Ereignissen in Amerika zu stellen.
An der Fakultät für Architektur und Design ist die Beobachtung eines der wichtigsten Werkzeuge, die sich aus der Verbindung von Handwerk und Dichtung ergeben. Sie fordert Studierende und Lehrkräfte dazu heraus, die Wirklichkeit zu kennen und zu verstehen. Die Beobachtung wird als eine intuitive und profunde Praxis eingeübt, mit der die Realität befragt wird und die sich in einer abstrakten Freihandzeichnung oder einer textlichen Anmerkung widerspiegelt, die die Eigenschaften und nicht greifbaren Beziehungen eines Ortes benennen. Es geht auf jeden Fall immer darum, menschliches Handeln und dessen Verortung im Raum offenzulegen.
Die Ciudad Abierta wurde 1970 als Kollektiv in den Dünen, Wiesen und Ebenen an der südlichen Pazifikküste westlich des Bergs Aconcagua und nahe der Stadt Valparaíso gegründet.
Der Dichter und Gründer der Architekturhochschule, Godofredo Iommi, hatte sich 1967 aktiv an der chilenischen Universitätsreform und dem globalen Aufruhr, mit dem „die Welt verändert” werden sollte, beteiligt. Er lud uns dazu ein, die Universität neu auszurichten und die Möglichkeit zu eröffnen und sie als idealen Ort zu verwirklichen, an dem Leben, Arbeit und Studium sich vereinen und zu einem großen Abenteuer werden, das auch neue Lebensweisen sowohl im Kollektiv als auch individuell umfasst. Diese poetische Triade (leben, arbeiten, studieren) wurde zum Horizont für die Gründung der Ciudad Abierta. Sie machte sie zu einem Treffpunkt von Poesie und Handwerk unter dem Einfluss des Gedichtes Amereida.
Das hat 50 Jahre andauernder Arbeit mit einem Schwerpunkt auf menschlichem Wohnraum bedeutet. So bekommt der Akt der „Gastfreundschaft” eine greifbare Form, deren Sinn es ist, dass „alle als die gehört werden, die sie sind”.
In der Ciudad Abierta kommen Studierende, Lehrkräfte und die Gemeinde zusammen und interagieren kreativ im pädagogischen und künstlerischen Bereich und in enger Verbindung zur Natur, die dieses Gelände bestimmt. Mit diesem Medium geben sie dem gemeinschaftlichen Leben einen Sinn. Die Arbeit wird ins Licht des dichterischen Worts gerückt, das dem Leben Bedeutung verleiht.
Seit der Gründung der Schule haben ihre Studierenden sich an den Arbeiten der Ciudad Abierta mit Forschungsprojekten beteiligt, die als Architektur-, Design- und Bildhauereiarbeiten sowie andere Arten bildender Kunst umgesetzt werden. So kommt es zu einer ständigen Beschäftigung mit den Lebensbedingungen der Menschen.
In den Arenen der Ciudad Abierta dreht sich das Leben um die Vorstellung von der „Rückkehr zum Nichtwissen” (verschiedene Autoren, 1971). Das bedeutet, Sicherheiten und alles, was durch die im Leben angesammelten Gewohnheiten gerechtfertigt wird, aufzugeben oder sich davon zu entfernen. Die Dichter waren von Anfang an Teil dieses Kollektivs und sind es bis heute. Mit ihrem einzigartigen Blick auf das Leben tragen sie zu allen Aktivitäten der Fakultät für Kunst und Design sowie der Offenen Stadt bei.
Sie sehen im dichterischen Handeln eine Feier in Form eines Spiels, das – in einer einfachen Umgangssprache – einen Schlüssel findet, der uns das Einzigartige erkennen lässt, das, was für diesen Ort angemessen und konstituierend ist (Reyes, 2016). Das geschieht im Zusammentreffen mit den Menschen, die an diesem Handeln teilhaben und ihr „Hier und Jetzt” konfigurieren.
Die „Verspieltheit des Gewohnten“ erkundet die Formen und täglichen Handlungen der Menschen, um mittels Beobachtung ihre wahre Bedeutung zu entziffern. Von diesem Ausgangspunkt aus werden ihre divergierenden und spielerischen Ausdrucksformen erforscht, die menschliche Kreativität ermöglichen und danach streben, über die Funktion als utilitaristischem Ursprung der Objekte hinauszugehen und in die Geheimnisse der Formen als kulturelle und transzendente Ausdrucksweisen einzutauchen (Lang). Die „Verspieltheit des Gewohnten“ stellt mithilfe von zahlreichen Festen, Wettbewerben und Ausstellungen, die schon seit der Gründung der Schule stattfinden, eine Beziehung zwischen menschlichem Handeln und Artefakten sowie den Disziplinen Design und Architektur her.
Wir leben in der Neugestaltung der Gegenwart, die als Geschenk verstanden wird. Diese Art des Denkens und das Verlangen, alles auszustellen, was in der Gemeinschaft hergestellt wird, führt tagtäglich zur Schaffung einer gemeinsamen Lebenssphäre, für die das kollektive Wesen des kreativen Akts eine Voraussetzung ist. Diese Sphäre wird in den vielen unterschiedlichen Workshops der Fakultät für Architektur und Design und in der Ciudad Abierta geschaffen.
In den Traversías und in der Ciudad Abierta wird ein kontemplativer Akt der Beobachtung mit der Praxis des Bauens und dem poetischen Handeln des Gebens verbunden. Die Struktur des pädagogischen Modells der Fakultät für Architektur und Design orientiert sich an den Beziehungen dieser drei Dimensionen, des Beobachtens, Bauens und Gebens.
Corporación Cultural Amereida. http://amereida.cl/Ciudad_Abierta
Iommi, G. (1971). Carta del errante; https://wiki.ead.pucv.cl/Carta_del_Errante
Iommi, G. (1971). Voto Propuesto al Senado Académico 1969; https://wiki.ead.pucv.cl/Voto_Propuesto_al_Senado_Acad%C3%A9mico_1969
Iommai, G. et al. (1967). Amereida, Volume I, edited cooperatively by Lambda (https://wiki.ead.pucv.cl/Amereida) and the Escuela de Arquitectura y Diseño de la Pontificia Universidad Católica de Valparaíso, Chile (https://www.ead.pucv.cl)
Lang, R. Taller de la diversión del hábito. https://wiki.ead.pucv.cl/Taller_de_la_Diversi%C3%B3n_del_H%C3%A1bito
Reyes, J. (2016). Atajo de Amereida; https://wiki.ead.pucv.cl/El_atajo_de_amereida
Travesías de Amereida; https://www.ead.pucv.cl/experiencia/travesias/
Various authors (1971). Apertura de los terrenos; https://www.ead.pucv.cl/1971/apertura-de-los-terrenos/
Garcés, A. (2019). « La Ciudad Teatro, el lugar de la escena y otros lugares », Ediciones Universitarias de Valparaiso. EUV.
Andrés Garcés Alzamora hat in Architektur promoviert und kann auf 29 Jahre Erfahrung als Architekt und Lehrer zurückblicken. Er ist Professor an der Fakultät für Architektur und Design an der Pontificia Universidad Católica de Valparaíso (PUCV) und seit 1994 Mitglied und zeitweise auch Präsident der Corporación Cultural Amereida – Ciudad Abierta (Kulturkooperation Amereida – Offene Stadt). Zuvor leitete er den Fachbereich Architektur und Stadtplanungsprojekte der Fakultät für Architektur und Design an der PUCV, wo er für große Projekte für die Entwicklung des öffentlichen Raums in Chile verantwortlich war. ——- Katherine Exss Cid ist eine Designerin von der Fakultät für Architektur und Design (EAD) an der Pontificia Universidad Católica de Valparaíso (PUCV) in Chile. Sie erwarb ihren Master of Arts in Informationsdesign in Reading in Großbritannien und ist nun Doktorandin in Architektur und Stadtplanung an der Universidad del Bío in Chile. Zurzeit befindet sie sich zu einem Forschungsaufenthalt an der University of California Berkeley in den USA. —— David Luza Cornejo ist Architekt und studierte an der Pontificia Universidad Católica de Valparaíso (PUCV). Er promovierte 2013 an der Universitat Politècnica de Catalunya (UPC) Barcelona in Architektur, der Titel seiner Doktorarbeit ist Die Konstituierung der gemeinsamen Erweiterung der Offenen Stadt. Er ist Professor an der Fakultät für Architektur und Design (EAD) an der PUCV. Seit 2022 ist er Direktor des zur selben Hochschule gehörenden Observatorio Regional de Desarrollo Urbano Sostenible (Regionales Observatorium für nachhaltige Stadtentwicklung). ——- Rodrigo Saavedra Venegas ist Professor an der Fakultät für Architektur und Design an der Pontificia Universidad Católica de Valparaíso (EAD-PUCV), an der er selbst seinen Abschluss als Architekt gemacht hat. Er promovierte an der Universitat Politècnica de Catalunya (UPC) Barcelona. Seit 2022 ist er Dekan der Fakultät für Architektur und Stadtplanung an der PUCV.