Wir kommen ohne den Namen "Black Mountain College" aus
Im Herbst 2015 versammelte sich eine Gruppe kreativer Denker*innen auf dem Gelände des ehemaligen Black Mountain College (BMC), der legendären Hochschule, die für freidenkerisches und hierarchiefreies Lernen bekannt war und die zum Erfolg von Persönlichkeiten wie John Cage und Merce Cunningham beitrug. Die Gruppe beschloss, ein Programm zu entwickeln, das an die Ideale der historischen Hochschule anknüpfte.
Die School of the Alternative (SotA), ein pädagogisches Experiment, besteht seit 2016 und bietet Möglichkeiten zum Denken, Schaffen und gemeinschaftlichen Handeln. Statt traditioneller Seminare bietet der Campus einen gemeinsam entwickelten, selbstbestimmten Lernansatz, der allen Teilnehmer*innen die Gelegenheit bietet, zu lernen und zu lehren. Die Kurse finden jeden Sommer auf dem ursprünglichen Campus des Black Mountain College statt. Sie beziehen sich auf das Erbe früherer alternativer Schulen und streben an, einen Ort für eine moderne Gemeinschaft aus Pionier*innen, Künstler*innen und kritischen Denker*innen zu schaffen.
Katja Klaus bat Heidi Gruber, ihre Fragen zu beantworten und sie an ihren Ideen teilhaben zu lassen …
In einem Post auf Instagram vom 11. Mai 2023 schreiben Sie: „Nichts ist so stärkend wie das Leben in einer Gemeinschaft, in der der Wissensaustausch eine Praxis ist, an der wir alle teilhaben.“ Was verstehen Sie unter einer neuen Gemeinschaft?
Ich stelle mir eine neue Art von Gemeinschaft als einen Ort vor, an dem eine Welt erschaffen wird, ein Ort, an dem gemeinschaftlich ein Modell der Welt entsteht, wie wir sie uns erträumen. Eine neue Gemeinschaft sollte einfallsreich, offen, fürsorglich und anpassungsfähig sein. Ich möchte die Worte eines unserer Direktoriumsmitglieder/Dozent*innen, Maria Hudice, wiedergeben. Sie hat so wunderbar beschrieben, was für einen Ort wir schaffen, wie sich unsere neue Gemeinschaft anfühlt.
„An der SotA kann ich mich auf eine Reise ins Unbekannte begeben, Abenteuer und Wunder finden. In der Alltagswelt gibt es so viel Lärm und Angst, aber in Black Mountain werde ich dazu ermutigt, meine Arbeit zu tun – mich selbst kennenzulernen.
Ich komme immer wieder zur SotA, um mein Herz auf die essenziellen Klänge einzustimmen. Ich weiß, dass ich nicht allein bin. Jedes Jahr sitze ich hier schweigend mit anderen Teilnehmer*innen, während die Bäume, der Wind und die Ahnen uns leiten. Hierherzukommen ist keine triviale Sache … ich glaube, dass ich schon dadurch, dass ich hier auftauche, eine große Veränderung in der Welt bewirke. Gemeinsam mit einem wunderbaren Kreis bin ich kreativ und erschaffe eine Welt nach meiner Vision. Das ist die Arbeit. Das ist radikales Handeln. So sieht mein Protest aus – Gedanken und Verständnis aufbauen, wiederbeleben, wiederherstellen und erweitern.“
Welche Gemeinschaftspraktiken untermauern Ihre Arbeit, Ihre Vision der Schule?
Danke, dass Sie das fragen. Von Anfang an hatten wir eine solide Struktur für unser Programm, unsere Art von Kursen, unseren Tagesablauf und so weiter, aber unsere Gemeinschaftspraktiken sind der Bereich, in dem wir am meisten gewachsen sind und in den wir sehr viel Energie investiert haben.
Für diese Arbeit ist es so wichtig, wie wir die Menschen willkommen heißen. Es ist wichtig, dass sich die Leute hier sicher fühlen, dass wir Gefahren minimieren können und Vertrauen und feste gemeinschaftliche Bande erschaffen können. Das ist sehr wichtig für einen Ort, an dem Menschen die Freiheit haben, Dinge zu erkunden und zu teilen. Für uns heißt das, dass wir vorbeugend arbeiten und während der Kurse tiefe, zielgerichtete Fürsorge anbieten.
Wir haben eine Gemeinschaftsvereinbarung, ein lebendiges, atmendes Dokument, das wir am Anfang jeder Woche verlesen und das wir den Leuten vor ihrer Ankunft zuschicken. In speziellen Sessions ermutigen wir die Teilnehmer*innen dazu, es zu aktualisieren. Wir sehen die Vereinbarung gemeinsam an und einigen uns auf Überarbeitungen und Änderungen, damit sich alle in dieser Vereinbarung berücksichtigt fühlen. Diese Überarbeitungstreffen finden mehrere Male während und zwischen unseren Kursangeboten statt, sowohl mit unseren Dozent*innen als auch mit verschiedenen Teilnehmer*innen. An der SotA haben wir auch ein Sprecher*innensystem: Führungspersonen in der Gemeinschaft sind für kleine Gruppen (12 bis 15 Personen) zuständig und geben ihnen am ersten Abend eine Einführung.
In der Mitte der Woche kommt die Gruppe dann zum Essen zusammen, um sich auszutauschen. Die Sprecher*innen sind ständig im Gespräch miteinander, um dafür zu sorgen, dass die Leute so gut umsorgt werden, wie es uns möglich ist. Wir haben vor ein paar Jahren auch noch eine wirklich wichtige Position eingerichtet, von der wir schon jahrelang geträumt haben. Wir haben nun jemanden auf dem Campus, der oder die sich um das mentale Wohlergehen der Teilnehmer*innen kümmert. Der/die zugelassene Therapeut*in ist zu den Kurszeiten anwesend und bietet Hilfe an, wann immer das erforderlich ist.
Es gibt auch Protokolle und Abläufe für den Fall, dass es zu Konflikten kommt, mit denen wir diese Situationen auf für alle fürsorgliche Weise bewältigen können, denn wir wissen, dass Konflikte auch produktiv sein können. Diesen Teil unserer Arbeit fördern wir kontinuierlich, denn wir wissen, dass dies einen großen Anteil unserer Verantwortung als Menschen darstellt, die ganz klar einen sicher(er)en Ort bieten.
Wann erreichen Sie Ihre persönlichen Grenzen, wenn es um das Leben in der Gemeinschaft geht?
Es fehlt mir ungemein, wenn es keine Kurse an der Schule gibt. Das Leben in der Gemeinschaft nährt mich und (alle anderen von uns auch) auf eine Weise, die ich in meinem Alltag noch nicht erreichen konnten. Ich glaube, es liegt ein riesiger Vorteil darin, dass wir nur ein paar Wochen im Jahr zusammenkommen. In der Zeit komme ich nicht an meine Grenzen. Wenn ich abreise, habe ich eigentlich noch nicht genug. Ich gerate definitiv eher an den Rand eines Erschöpfungszustands, wenn es sehr intensiv wird oder in Jahren, in denen weniger Dozent*innen dabei sind. Aber in Wahrheit fühlt es sich wirklich gut an, wenn wir genügend Dozent*innen auf dem Campus haben, die helfen, sich um die Schule zu kümmern. Dann ist es einfach ein gutes Gefühl, die ganze Zeit in unserer Gemeinschaft zu sein, selbst wenn es mal schwierig oder nicht perfekt ist.
Was hat Sie veranlasst, diese Aufgabe, diese Verantwortung für diese Schule zu übernehmen?
Ich habe hier an der Schule nicht als Direktorin angefangen, aber während wir wuchsen, habe ich immer mehr Aufgaben übernommen. Ich kann ganz schön viel arbeiten und ich erkannte, welche Wirkung die Arbeit, die wir hier machen, auf andere und auch mich selbst hat. Ich übernehme viele der logistischen Aufgaben, aber die Schule wird wirklich von uns allen getragen, von allen, die an ihr teilnehmen. Ich habe die Wirkung gespürt und gesehen, und ich werde diese Verantwortung weiter tragen, solange mir das möglich ist, denn ich glaube, es ist wichtig, dass Orte wie dieser (und davon gibt es noch so viele andere) existieren.
Diese Arbeit ist wichtig für mich, für meine Werte und die Art von Welt, die ich mit aufbauen will. Da steckt viel Hoffnung drin. Ich brauche das, wir brauchen das, um zu leben und Räume zu schaffen, in denen wir einen Rückzugsort von einer Welt haben, die ständig versucht, uns zu Fall zu bringen, um in einer Gemeinschaft zu leben, die frei von den traditionellen Hierarchieformen, Individualismus und Wettbewerb ist. Das ist Balsam für unsere Seelen.
Ich bin wirklich dankbar dafür, dass mein Weg mich zu dieser Arbeit geführt hat. Wie schwer auch immer sie sein mag, ich denke auch, dass SotA ein Ort der Hoffnung ist und uns helfen kann, nicht nur diese eine Erfahrung, die wir gemeinsam machen, zu erleben und zu gestalten, sondern auch unsere Community zu Hause.
Wer studiert und wer lehrt an Ihrer Schule?
Da möchte ich mich nicht wirklich festlegen, denn in Wahrheit hoffen wir, dass die SotA ein Ort für mehr als nur eine Art von Leuten ist. Historisch betrachtet hat dieses Programm Menschen angesprochen, die sich von traditionellen Institutionen eingeschränkt fühlen und die nach Raum suchen, um ihre pädagogischen Vorstellungen außerhalb der akademischen Welt auszuprobieren. Menschen, die neugierig sind und gemeinsam an einem Ort leben wollen, an dem Fürsorge an erster Stelle steht.
Abgesehen davon, dass man über 18 Jahre alt sein muss, gibt es keine Vorgaben, um an der SotA zu studieren oder zu lehren. Wir haben das Glück, bereits eine große Bandbreite an Teilnehmer*innen hinsichtlich Herkunft, Alter, Bildung, Ethnie, sozialer Herkunft, Erfahrung und vielem mehr bei uns gehabt zu haben. Aber es ist immer unser Anliegen, die Tore noch weiter zu öffnen, während wir wachsen. Kern unserer Rekrutierungsarbeit ist es, das Spektrum derjenigen, die an der SotA lernen oder lehren, zu erweitern.
Zurzeit zeigt die Demografie an der SotA ein Übergewicht von weißen queeren Personen und Menschen mit höherer Bildung, die in großen amerikanischen Städten leben. Wir hoffen, unseren Weg hin zu einer radikaleren Zugänglichkeit fortzusetzen und Raum für Schwarze und andere People of Color sowie für Menschen aus dem ländlichen Raum zu schaffen. Bei unserem Fundraising geht es darum, die SotA zu einem gleichberechtigteren und zugänglicheren Ort zu machen, indem wir viele Stipendien anbieten, darunter unsere Black Equity Scholarships, und indem wir unser Direktorium und unseren Beirat gezielt besetzen.
Haben Sie in Ihrem Leben positive Erfahrungen mit Schulen und mit dem Lernen gemacht?
Für mich haben immer selbstbestimmte oder gemeinschaftliche Projekte besser funktioniert als solche mit einer strengen Hierarchie. Ich habe mit der Schulbildung positive und negative Erfahrungen gemacht. Ich hatte Lehrer, die meinen Lernstil und meine Fähigkeiten wirklich gefördert und ermutigt haben, aber insgesamt hat mir die Schule viele Probleme bereitet. Ich bin oft in Schwierigkeiten geraten, habe im Unterricht viel gequatscht und war im Umgang mit Autoritäten nie besonders gut. Am College hatte ich ein paar Professor*innen, die mich wirklich ermutigt haben, das möchte ich gar nicht unterbewerten, aber alles in allem habe ich mich schwergetan und war wirklich froh, als es vorbei war, um ehrlich zu sein. Außerdem leide ich an ADHS und hatte schon immer Probleme damit, meinen Lernstil an den traditionellen Unterricht anzupassen.
Ich glaube, zu den besten, produktivsten Zeiten in meiner traditionellen Schulbildung gehörten die Atelierkurse am College. Ich habe Grafikdesign studiert, und mit den Mitstudierenden aus meinem Studiengang im Atelier zu sein, unsere jeweiligen Arbeiten zu besprechen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen, war das, was am besten zu meinem Wachstum als Studierende passte. Obwohl die Kritik brutal sein konnte. Ich glaube, dass Angst in der Schule oft als Werkzeug genutzt wird, und mein Studiengang erforderte, dass ich nach ein paar Jahren erneut ein Zulassungsverfahren durchlaufen musste. Das war für mich wirklich schwer. Ich hatte unglaubliche Angst und konnte damit nicht umgehen. Die traditionellen Hierarchien in Institutionen waren für mich schon immer ein Problem und ich lehnte mich dagegen so sehr auf, dass das meiner Erfahrung wahrscheinlich nicht zuträglich war.
Was mich an dieser Arbeit angezogen hat, ist die Möglichkeit, eine Lernumgebung zu schaffen, die allen Arten von Lernenden Raum gewährt und in der alle dazu beitragen, das Lernerlebnis zu gestalten. Dieser radikale nichthierarchische Aufbau hat auch alle Aspekte meines Lebens außerhalb der SotA beeinflusst.
Ich bin schon immer ausgesprochen neugierig gewesen, ich habe immer gern gelesen und habe eine Menge Fragen stellt. Die Aussicht darauf, eine lebenslang Lernende zu sein, treibt mich wirklich an. Und das, so glaube ich, hat die SofA noch verstärkt. Eine wichtige Lektion, die ich an der SotA gelernt habe, ist, dass es wirklich überhaupt keinen Wert hat, Ressourcen zu horten oder ein*e Wächter*in des Wissens zu sein. Die Welt ist überaus wettbewerbsorientiert und ich glaube, viele Menschen neigen dazu, ihr Wissen für sich zu behalten. Aber die Welt, in der ich leben möchte und die wir an der SotA erschaffen wollen, ist eine, die der großen Macht des Wissensaustauschs mit Wertschätzung begegnet.
Können Sie beschreiben, welchen Einfluss die Landschaft um Sie herum auf Ihre Gemeinschaft und Ihre Lernerfahrungen hat?
Dieser Ort ist magisch. In Black Mountain gibt es eine unglaubliche Geschichte und Schönheit und eine spürbare Energie, besonders auf dem Campus, den wir bewohnen. Das kann ich nur schwer in Worte fassen. Es ist auch schön, dass wir so in den Wald gekuschelt sind. Das bietet eine Art von Zufluchtsort, der viele Leute anspricht, glaube ich. Die Möglichkeit, sich allein oder mit mehreren in den Wald zurückzuziehen, ist etwas, was sich nicht nachstellen lässt. Aber vielleicht ist am wichtigsten, dass wir für radikal eingestellte Menschen aus dem amerikanischen Süden erreichbar sind, die gerne an Programmen wie unserem teilnehmen möchten, aber nicht die Mittel haben, um weit zu reisen, um eines dieser Programme zu erreichen.
Was passiert auf dem Gelände, wenn Ihr Sommerkurs nicht stattfindet?
Der Campus, auf dem wir uns bewegen, ist ein Eventgelände des YMCA (CVJM), und zwar schon von Anfang an, selbst als das Black Mountain College noch hier war. Sie waren also bei derselben Organisation Mieter wie wir. Hier finden das ganze Jahr über Konferenzen und Events unterschiedlichster Gruppen statt und der YMCA veranstaltet hier Sommercamps. Wir kommen jedes Jahr im Mai her, denn das ist hier die ruhigste Zeit im Jahr. Wir hoffen immer, eine von nur wenigen Gruppen auf dem Campus zu sein, wenn wir hier sind, damit wir uns wirklich frei bewegen, den gesamten Raum nutzen und so gut wie möglich unter uns bleiben können.
Unter welchen Umständen wäre es für Sie denkbar, hieraus eine Ganzjahresveranstaltung zu machen?
Das ist für uns nicht machbar und würde unsere Kapazitäten bei Weitem überschreiten. Gerade jetzt trägt sich unser Programm selbst. Das heißt, dass die Studiengebühren (die wir so niedrig wie möglich halten) vollkommen für unsere grundlegenden Bedürfnisse ausreichen. Alle zusätzlichen Kosten werden durch kleinere Fundraising-Aktivitäten gedeckt. Um Land zu kaufen, uns Mindestlöhne zu zahlen und so weiter wären viel größere Fundraising-Anstrengungen notwendig. Und letzten Endes denke ich, dass die SotA in kurzen Sessions immer noch das anbieten kann, was wir anzubieten hoffen. Wir konzentrieren uns im Augenblick also darauf, das Projekt am Leben zu erhalten und sein Wachstum auf andere Weisen zu fördern.
Ich habe gelernt, Wachstum außerhalb der kapitalistischen Denkweise zu definieren, und für uns bedeutet Wachstum, mehr Zugang und Nachhaltigkeit zu schaffen. Es gibt immer noch so viele Menschen, die nicht an unserem Programm teilnehmen können, obwohl sie sich das wünschen (das ist für viele selbst mit einem Stipendium, Reisegeld, Beurlaubung von der Arbeit und anderen Verpflichtungen sehr schwierig). Wie könnte man es bewerkstelligen, diese Menschen hierherzubringen? Was wäre dafür notwendig? Wie können unsere Gemeinschaft und unsere Dozent*innen sich bei ihrer Arbeit unterstützt fühlen, damit sie nachhaltig wird? Das sind die großen Wachstumsfragen, die mir durch den Kopf gehen.
Letztendlich finde ich es wichtiger, dass dieses Programm immer lebendiger statt immer größer wird. Ich möchte auch unser internes Kollektiv berücksichtigen und ihm Raum für Ruhe und Erholung neben der manchmal zermürbenden Arbeit einräumen. Das ist nötig, um das hier zu realisieren.
Ich glaube, es wäre toll, nicht nur im Frühjahr, sondern auch im Herbst Kurse zu veranstalten. Wir haben mit dieser Idee gespielt, aber die Wahrheit ist, dass wir es finanziell jetzt gerade so hinbekommen und Fundraising für uns schwierig (und neu) ist. Vielleicht irgendwann einmal! Aber davon abgesehen glaube ich nicht, dass eine ganzjährige Veranstaltung unser Weg ist.
Gibt es für Ihre Schule oder den Sommerkurs irgendein Curriculum?
Nein, wir haben kein festes Curriculum. Wir hoffen, direkt auf unsere Community, unsere kollektive Community reagieren zu können. Daher sieht unser Lehrplan jedes Jahr anders aus und wird von den radikalen Menschen bestimmt, die sich darum bewerben, hier zu unterrichten. Jeden Herbst gibt es eine Ausschreibung, auf die sich jede*r bewerben kann – es gibt keine Voraussetzungen und Anforderungen.
Dann begutachtet eine Gruppe aus unserer Gemeinschaft die Bewerbungen und zuletzt gestalte ich gemeinsam mit meiner rechten Hand/Co-Schöpferin/Direktoriumsmitglied Nelle Dunlap aus den Kursen der besten Bewerber*innen ein ausgewogenes Curriculum. Normalerwiese versuchen wir, ein ausgeglichenes Verhältnis von Machen und Denken, introspektiven und eher verspielten Inhalten und so weiter zu erreichen.
Dieses Jahr hatten wir weniger Bewerbungen von „Machern“ und mehr Kursvorschläge, die Raum für die Verarbeitung dessen schaffen wollten, was in der Welt vor sich geht. Das führte dazu, dass in diesem Jahr sehr viel mehr geschrieben und viel weniger „gemacht“ wurde. Und ich glaube, das ist es, was die Menschen dieses Mal gebraucht haben. Wenn wir den Aufruf zu Bewerbungen also sehr offen halten, hoffen wir darauf, einen Raum für uns zu schaffen, in dem die Erfordernisse der Zeit durch Design erfüllt werden können.
Warum haben Sie den Namen Ihrer Schule von „Black Mountain School“ zu „School of the Alternative” geändert?
Eine größere Institution hatte das Recht, den Begriff „Black Mountain“ für pädagogische Zwecke zu nutzen. Wir sind dagegen juristisch angegangen, haben aber verloren. Unsere ursprünglichen Gründer waren dem Namen sehr verbunden und wollten ihn sehr gern behalten. Die Inspiration, die das Black Mountain College für die Gründung dieses Projekts bot, war ihnen wichtig und ich verstehe das. Aber den Namen zu verlieren, kommt auch mit einem Hoffnungsschimmer daher und, wenn ich ehrlich bin, mit einem gewissen Maß an Erleichterung. Dieses Gewicht zu tragen, wäre eine Last gewesen, und in Wahrheit machen wir unser eigenes Ding, auch wenn wir uns vom Black Mountain College inspirieren lassen. Nun gehen wir auf die ganz anderen Erfordernisse der heutigen Zeit ein.
Ich glaube auch, dass wir die Inspiration, die das BMC als alternativer Lernort gibt, mit anderen teilen, darin sind wir alles andere als einzigartig. Man kann wohl behaupten, dass sich sehr viele Menschen, die diese Art von Arbeit machen, von diesem Erbe inspirieren lassen und ihre Arbeit darauf begründen, und das ist sehr schön. Darum sind wir zwar auf dem ursprünglichen Gelände und teilen viele der Werte des BMC, aber ich denke, wir kommen ohne den Namen aus. Unser Name ist ein weiterer Teil dessen, was wir sind, und es ist schön, dass damit nicht so viele Erwartungen verbunden sind. Wir sind ein Ort, der von alternativen und radikalen Ideen lebt – den Ideen vieler.
Welche Kurse wurden in diesem Jahr angeboten?
Die vollständigen Kursbeschreibungen und die Lebensläufe unserer Dozent*innen finden sich auf unserer Website, aber folgende Angebote gab es in diesem Jahr:
_Britt Billmeyer-Finn unterrichtete den Kurs „Instant Play“
_Dharushana Muthulingam unterrichtete den Kurs “Beyond the Hero’s Journey: Storytelling to Make Sense of Care Work, Reckon with the Past, and Imagine Futures”
_Sabel Santa unterrichtete den Kurs „The Shadow and the Artist“
_Sophie Traub unterrichtete den Kurs „Re-re-re-Make – a Reiteration Workshop“
_Zoe Tuck unterrichtete den Kurs „Read Like a __________“
_Jonathan Curtin unterrichtete den Kurs „Queer Mobility Autonomy“
_Lo Bil unterrichtete den Kurs “Unexpected Arrivals: Joyful Performance Risks”
_Swati Piparsania unterrichtete den Kurs “Body as Site”
Stehen Sie im Austausch mit anderen internationalen Schulexperimenten im In- und Ausland?
Ja, ein bisschen, und wir hoffen, dass es mehr wird. Die Dozentin Sophie Traub von The School of Making Thinking, einem ähnlichen Programm, leitete in diesem Jahr einen Kurs an der SotA. Gemeinsam mit ihr konnte ich ein Pop-up-Event, eine Radiosendung, moderieren, in der wir darüber sprachen, alternative Künstler*innen-Residenzen zu organisieren. Es war sehr inspirierend zu hören, wie die Dinge dort angegangen werden, und sich über einiges zu unterhalten, worüber wir uns beide Gedanken machen, und das dann – und das war vielleicht das Beste – mit einer großen Gruppe zu teilen und diese Arbeit verständlicher darzustellen (wir brauchen mehr von diesen Räumen!).
Aus diesem Gespräch ist ein weiteres Projekt entstanden, das noch in den Kinderschuhen steckt und in dem wir daran arbeiten, mit mehr Dozent*innen ins Gespräch zu kommen und diese Gespräche dann anderen als Open Resource zugänglich zu machen. Wir überlegen noch, wie das aussehen könnte, aber ich kann schon sagen, dass es produktiv und hoffnungsvoll und stärkend ist, mit anderen zu sprechen, die die gleiche Arbeit machen. 2016 nahmen wir an der Messe Alternative Art School bei Pioneer Works in Brooklyn teil.
Dort mit anderen Dozent*innen zusammenzukommen, war sehr aufschlussreich. Ich wünschte, mein Tag hätte 100 Stunden, damit ich noch einmal ein solches Treffen organisieren könnte. Solch eine Arbeit kann zermürbend sein (ist es aber immer wert), und es erscheint mir wirklich wichtig, sich mit anderen zu vernetzen, die in diesem hoffentlich transformativen und weltbewegenden Bereich arbeiten.
Welche Entwicklungen in der derzeitigen Ausbildung von Künstlern und Designern missfallen Ihnen besonders?
Diejenigen, die abweichende Identitäten und Erfahrungen nicht beachten oder Tradition einer Weiterentwicklung vorziehen. Wenn eine Institution behauptet, Raum für unterschiedliche Identitäten zu schaffen, das aber nicht umsetzt. Die, denen es an Mitgefühl und tiefer Fürsorge für Menschen mit Identitäten fehlt, die historisch in Institutionen unterdrückt wurden.
Sie versprechen „Räume mit einer anderen Logik, einer neuen Sprache, neuen Kategorien des Denkens”. Welche Alternativen bieten Sie im Besonderen an?
Wir hoffen, dass wir alternative Unterrichtsumgebungen anbieten, in denen die Studierenden die Unterrichtsweise genauso beeinflussen können wie die Lehrkräfte. Das lässt sich leicht sagen, ist aber eine enorme und einflussreiche Erfahrung. Ich kann den Ablauf des Kurses verändern? Meine Stimme hat so viel Gewicht wie die der Lehrkraft? Das eröffnet für die Menschen oft die große wunderbare Idee, dass sie auch lehren können, was sie wissen und was sie leidenschaftlich gern tun.
Wir sagen ganz klar, dass Fürsorge bei uns Priorität hat, und wir arbeiten daran, diese Praktiken zu fördern. Wir schaffen Raum, um unserer Community zuzuhören und zu erfahren, was sie von der Schule braucht. Bei dieser Arbeit geht es für uns vor allem darum, die Bedingungen zu schaffen, in denen sich die Leute präsent und sicher und engagiert fühlen, damit sie an der SotA frei schöpferisch tätig sein, wachsen und sich entwickeln können.
Inwieweit beeinflussen akademische Diskurse Ihre Arbeit?
Um ehrlich zu sein, befasse ich mich gar nicht mit dem akademischen Diskurs. Ich glaube, es gibt in unserer Community Menschen, die viel mehr im akademischen Diskurs engagiert sind, und ich bin mir sicher, dass ihr Widerstand gegen bestimmte Aspekte innerhalb der Institutionen hilft, unser Projekt zu gestalten. Aber da ich außerhalb der SotA Artdirektorin/Designerin bin, ist die akademische Welt kein Teil meines Alltags. Was mich als Dozentin als Möglichkeit des Lernens und Wachsens interessiert, dreht sich mehr um eine radikale Weltgestaltung und Fürsorge für die Gemeinschaft.
Gerade müssen wir aktiv daran arbeiten, unser Projekt neben den anderen Bereichen unserer Leben und unseren Arbeitsplätzen aufrechtzuerhalten (die SotA wird von Ehrenamtler*innen geführt). Was unsere Arbeit also am stärksten prägt und beeinflusst, sind unsere Gemeinschaft und unsere Kurszeiten, zu denen die Teilnehmer*innen kommen. Erfüllen wir ihre Bedürfnisse? Erfüllen wir die Bedürfnisse der Gemeinschaften, denen wir dienen wollen?
Wie beeinflusst das Erbe des Black Mountain College noch immer Ihre Arbeit?
Ohne unseren Vorläufer gäbe es uns nicht und ein großer Teil unserer Grundlagen beruht auf seinen Werten. Nichthierarchisches Lernen, Arbeitseinsatz/gemeinsamer Erhalt der Gemeinschaft, selbst organisiertes Lernen und so weiter. Ich bin wirklich dankbar dafür, wie dieses Erbe zum Katalysator für unsere Arbeit wurde, aber als Gruppe beziehen wir uns nicht mehr so darauf wie zu Beginn. Wir leben in einer anderen Zeit. Wir bleiben immer zutiefst dankbar für diese Grundlagen, wachsen aber aus diesem ursprünglichen Saatkorn weiter, weil wir mit den Erfordernissen der heutigen Welt umgehen müssen.
Betrachten Sie sich als die ersten offiziellen Nachfolger*innen des Black Mountain College?
Nein. Es gibt so viele radikale Programme, die arbeiten wie wir, und ich betrachte uns als Teil der Gemeinschaft alternativer Kunstschulen/-Residenzen, die das Erbe unserer Vorläufer, zum Beispiel des BMC, weitertragen. Ich denke, in einer Welt, die wirklich mehr braucht, bieten wir eine Alternative an, so wie sie in ihrer Welt eine Alternative angeboten haben. Es ist ein großes Glück, dass wir unsere Kurse auf dem ursprünglichen Campus des BMC abhalten und auf diesem Gelände sein, die Unterrichtsräume nutzen, über denselben Rasen tanzen können wie sie. Das ist eine kraftvolle Erfahrung. Auf diese Weise entsteht also eine Verbindung. Die ist aber eher abstrakt und nicht so, als seien wir die Nachfolger*innen.
ist eine dynamische und begeisterungsfähige, kreative Persönlichkeit, die daran arbeitet, Räume unvermeidlicher Verbindungen durch ausdauernde, durchdachte Arbeit zu fördern. Sie war bereits als Galerieleiterin, Grafikdesignerin, Artdirektorin und Organisatorin tätig. Seit 2016 gehört sie zum Direktorium der School of the Alternatives (SotA), deren Executive Director sie zurzeit ist. An der SotA widmet sie sich der Aufgabe, einen gerechten Raum für gemeinschaftliches Lernen und kollektive Fürsorge zu schaffen und die Umsetzung beider Aspekte kontinuierlich auszubauen und zu fördern.