Issue number: 3
10 November 2023
Lesezeit: 12′
Binna Choi
Ein Messer mit der Inschrift „I love you in the name of the commons”, ein Geschenk von Yolande Zola Zoli van der Heide an das Casco-Team, gehalten von Yolande und Binna Choi
1
Wie man sich eine Kunstinstitution als Baum vorstellt
Geschichte der (Namens-)Veränderungen von Casco, 2018, von Bienna Choi und Ika Putranto

Sich eine Kunstinstitution als Baum vorzustellen, erlaubt es uns, Wachstum auf eine andere Weise zu betrachten als auf die, zu der uns der koloniale Kapitalismus getrieben hat, das heißt als Expansion, Extraktion, Ausbeutung und Profit! Der sogenannte Gebäudekomplex wird mit Museen verbunden, die, wie ein Meme sagt, „entworfen wurden, um das Leblose zu erhalten und das Lebendige auszuschließen“. Selbst wenn die (Kunst-)Objekte in Museen nicht so leblos sind, wie wir denken, und der einfache Dualismus aus dem, was tot ist, und dem, was lebt, vielleicht nicht mehr gilt, deuten die meisten Museumsprotokolle doch auf das Gegenteil hin. Wie sähe ein Kunstmuseum aus, wenn es ein Baum wäre?

 

Es wäre Teil eines Waldes aus kleinen und mittelgroßen Kunstinstitutionen, die seit den 1990er-Jahren überall auf der Welt entstanden sind – also in der Ära der „Globalisierung“ –, die sich von den bürgerlichen oder staatlichen Beispielen für Kunstinstitutionen des 19. Jahrhunderts, etwa Museen mit Sammlungen, unterschieden.

Das Casco Art Institute wächst seit nunmehr 33 Jahren. Zuerst sollte es eine Lücke schließen und als Plattform dienen, auf der Künstler*innen aus der Stadt Utrecht und anderswo in den Niederlanden ihre Werke ausstellen konnten. Nach etwa fünf Jahren verwandelte es seinen Raum in ein multifunktionales Studio für Forschung, Experimente, Produktion, Diskussion und Präsentation. Zugleich öffnete es sich dem „öffentlichen“ Raum und arbeitete mit Künstler*innen aus anderen Teilen Europas zusammen. Dabei wurde Casco als Casco Projects bekannt, denn seine Internetseite trug diesen Namen zu der Zeit, als das Internet zu einem Teil des Alltags wurde.

Die damalige Direktorin Lisette Smits erzählte mir einmal, damals sei Ivan Illichs Buch Entschulung der Gesellschaft (1971) ihre Bibel gewesen, wenn es um die Leitung des Instituts ging. Tatsächlich hatte das etwas mit der Deinstitutionalisierung sowohl von Kunst als auch von Bildung und sogar darüber hinaus von Leben und Sein zu tun. Auch die folgenden Direktorinnen, Emily Pethick und ich selbst, wichen nicht davon ab, sondern verfolgten dieses Ziel mit unterschiedlichen Strategien, Methoden und Praktiken. Als strategischen Schachzug, um Cascos Position in der Welt der zeitgenössischen niederländischen Kunstlandschaft zu betonen, verliehen Casco-Team und -Vorstand der Institution einen neuen Untertitel. Sie hieß nun Office of Art, Design and Theory.

 

Als Casco seinen neuen Namen bekam, wurde der Schwerpunkt für die Kunstpraxis stärker auf einen interdisziplinären und partizipatorischen Ansatz gelegt. Die Sprachen von grafischem und architektonischem Design wurde erprobt und ihre experimentellen Formen bildeten eine stützende Struktur sowie einen räumlichen und literarischen Ausdruck dessen, was Casco und die Künstler*innen tun. Die folgende Phase, die bis heute andauert, wird von einem weiteren Namenswechsel gekennzeichnet. Es heißt nun Casco Art Institute: Working for the Commons.

Das Casco-Team und die Künstlerin Annette Krauss ließen sich von einem Prozess leiten, in dem sie gemeinsam mit Künstler*innen, lokalen Studierenden und Nachbar*innen die Vorstellung von Commons (etwa Gemeingut/Allmende) und deren Verbindung zur Kunst erforschten und begannen, die Arbeitsweise von Casco zu „verlernen“, um seine Beziehung zu den Commons zu gestalten. Dieser Prozess fiel mit Cascos Engagement im selbsttransformativen Prozess des Arts-Collaboratory-Netzwerks zusammen, das aus ähnlichen Kunstinstitutionen besteht, die aber im sogenannten globalen Süden beheimatet sind. Bald darauf folgte gemeinsam mit dem Kollektiv Outsider die Beschäftigung mit der agro-ökonomischen Geschichte von Leidsche Rijn, einem neu bebauten Gebiet bei Utrecht.

 

Mit anderen Worten fand das Institut bei seiner eigenen Reise zur Dekolonisierung seines Betätigungsfelds und seiner Arbeitsweise allmählich dazu, offene, weite und reiche Beziehungen mit „anderen“ oder vielmehr „untereinander“ zu haben, während man sich von der Annahme entfernte, die Welt sei um das Prinzip „Wir gegen die anderen“ herum organisiert. Vielmehr wurde Casco im „Wald der kleinen Kunstinstitutionen“ gesehen, wie man sagen könnte. Vor Kurzem gab Casco öffentlich seinen „ökosystematischen Wandel“ bekannt, was eine neue Art der Führung und des Wirtschaftens in einer Commoning-Institution bedeutet. Wir werden sehen, wie sich das entwickelt, besonders da unser Ökosystem insgesamt auf einer planetarischen Ebene einen drastischen, um nicht zu sagen katastrophalen Wandel durchläuft.

If we remain silent, Performance von Ana Brevo Perez unter einer über 150 Jahre alten Platane im Abraham Dolehof des Casco Art Institute, 2. September 2023. Foto von Francisco Baquerizo Rancines
2
Ein Schreibtisch für sich allein
Sieben Tische für Casco, entworfen von den Künstlerinnen Falke Pisano und Riet Wijnen im Rahmen ihres Langzeitplans, das Büroumfeld von Casco zu verändern, 2018. Foto von Angela Tellier

Dass es keine Commons ohne eine Gemeinschaft geben kann, die sich um sie kümmert und einen Nutzen aus ihnen zieht, bedeutet nicht, dass es für alle Aspekte und ständig ein Kollektiv oder Kollektivität geben muss. Tatsächlich wurde mit dem Wandel zum Casco Art Institute: Working for the Commons – von der Repräsentation zu einer Arbeitsweise des Praktizierens und Teilens von Gemeingut – dem oder der Einzelnen im Team mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Das zeigt sich im Austausch des großen kollektiven Arbeitstischs durch mehrere, individuell gestaltete Schreibtische unterschiedlicher Größe. In einer hierarchischen Struktur, die von einer öffentlichen oder privaten Instanz kontrolliert wird, wird die Macht auf einige ausgewählte Personen im Management konzentriert.

Der Rest des Teams muss sich deren Entscheidungen unterwerfen und ist als Verkörperung einer Funktion irgendwie ersetzbar. Für uns als Team am Übergang von einer öffentlichen oder privaten Organisation hin zum Gemeingut bedeutete das, dass die Subjektivität jeder einzelnen Person als Praktiker*in der Commons sichergestellt wird. Wir halten an dem Bewusstsein und dem verantwortungsvollen Handeln fest, das zeigt, dass wir uns gemeinsam um die Institution kümmern. Diese Zusage ergibt sich daraus, wie jede dieser Personen sich dem verbunden und verpflichtet fühlt, was wir study lines nennen, die jeweils eine größere Community mit gemeinsamen Belangen umfassen. Diese Vorstellung vom Studieren wurde von Fred Molen und Stephano Harney[1] inspiriert.

Es ist eine Art des Lernens und Lebens durch gemeinsames Planen und Handeln im Widerstand gegen Unterdrückung in der Tradition der Kämpfe gegen die Sklaverei und geht, wenn möglich, mit einem prophetischen Gespür für das einher, was kommen wird. Die study lines sind unser Begriff für die wesentlichen Bereiche des Commoning.

 

Das Team hat sich in dieser Hinsicht tatsächlich verändert, und es ist wichtig, dass kein Team immer gleich bleibt. Der Aspekt einer individuellen und gleichzeitig ablaufenden kollektiven Transformation muss sich über das Team hinaus ausweiten und Mitarbeitende und Mitlernende einbeziehen, während sich die Grenze zwischen dem Team und dem Ökosystem auflöst und Bewegung und andauernde Neukonfigurationen im Ökosystem zulässt. Ich glaube, dass jede*r in den Commons eine Führungspersönlichkeit sein muss, die weiß, welche Person oder welches Ding gerade die Führung übernehmen soll, und die weiß, wie und wann jemand als Helfer aktiv werden muss. Das widerspricht der unterschiedslosen Vorstellung von einer flachen, horizontalen Hierarchie oder Gemeinschaft.

Natürlich herrscht auch Vorsicht vor der Entstehung eines Mobs, wenn man sich verschiedene Maßstäbe von Commons vorstellt, ganz zu schweigen von geschlossenen Wohnanlagen oder anderen Einfriedungen. Wir müssen Sterne sehen, Sterne sein. Und die Sterne sind zusammen und weit weg, wo sie das Universum bilden. Zu guter Letzt sollten die Voraussetzungen für diese Art der Führung auch sein, dass sie einen Fuß auf der Erde hat, wofür das „Putzen“ als Synekdoche dienen könnte.

Diagramm mit den study lines des Casco Art Institute (2018–2022) von Binna Choi und David Bennewith, auf Stoff gedruckt als Teil des Nina bell F. House Museum am Casco Art Institute, 2023. Foto von Chun Yao Lin
3
Putzgewohnheiten für die Commons
Casco-Team und Annette Krauss, Cleaning Together (with Mierle), 2014, inszenierte Version einer der Übungen für Site for Unlearning (Art Organization). Foto von Annette Krauss

Unser Büro gemeinsam zu putzen, ist eine von vielen Übungen, die das Casco-Team und Annette Krauss als Strategie ausprobierten, um unsere von Ängsten angetriebene Geschäftigkeit zu verlernen, die aus unserem gewohnheitsmäßigen Wunsch nach Produktivität und sich erweiternder, konkurrierender Geschäftstätigkeit entsteht. Einige Übungen wie „Gemeinsam lesen“, „Mood Colour“ oder „Eigentumsverhältnisse“[2] wurden nur einmal ausprobiert, andere wie das Putzen wurden zu einem Ritual und einer Gewohnheit. Das ist in vielerlei Hinsicht bedeutend. Es ist zum Beispiel eine Anerkennung der ständigen Ungleichheit von Geschlechtern und Ethnien.

 

So können wir Menschen, die aus den früheren Kolonien stammen, dabei beobachten, wie sie in den Ländern der Kolonialisten Häuser und Büros putzen. In der westlichen Welt passen immer noch mehr Frauen und besonders Women of Color auf Kinder auf und kochen für sie als irgendein Mann, besonders außerhalb ihres eigenen Zuhauses. Das hat damit zu tun, wie der Kolonialismus in der Ausprägung des Kapitalismus weiterbesteht und wie er den Bereich der reproduktiven Arbeit weiter unterbewertet oder vielmehr von dieser billigen oder unbezahlten Arbeit abhängt. Dabei werden produktive und reproduktive Arbeit stets getrennt und Letztere wird unsichtbar. Das lässt sich auch im sich selbst (re-)produzierenden natürlichen Ökosystem beobachten. Die Arbeit der Natur wird völlig ignoriert und die Natur nur als Quelle für Ausbeutung betrachtet, was unsere Zeit zu einer Ära des Massenaussterbens gemacht hat.

 

So wie die Frage „Wer putzt die Welt?“ Françoise Verges[3] dazu brachte, dekoloniale feministische Kämpfe zur Kritik am Weiße-Frauen-Feminismus auszufechten, führte uns das gemeinsame Putzen dazu, die unterschiedlichen Bereiche der reproduktiven Arbeit zu erforschen und nach Möglichkeiten zu suchen, die Trennung von produktiver und reproduktiver Arbeit aufzuheben. Faisol Iskandar, ein führender Vertreter der Bewegung der eingewanderten Hausangestellten in den Niederlanden, hat uns berichtet und vor allem gezeigt, wie das Putzen definiert, worum es bei Führung geht. Es geht nicht darum, in einem Sessel zu sitzen, während jemand anderes für Sie putzt. Es bedeutet, zu putzen, zu kochen und für andere zu sorgen, um das Leben der Gemeinschaft und des weiteren Ökosystems zu unterstützen.

 

„In den Commons werden Dienstleistungen bereitgestellt, die von ihren Nutzern oft als gegeben hingenommen werden. Diejenigen, die vom Gemeingut profitieren, machen sich keine Gedanken über den intrinsischen Wert dieser Leistungen und wissen sie erst zu schätzen, wenn das Gemeingut zerstört wird und Ersatz gefunden werden muss. In gewisser Weise ähneln die universellen Dienste, die die Commons leisten, der Hausarbeit, die nie bemerkt wird, solange die Arbeit getan wird. Erst wenn niemand da ist, um das Geschirr zu spülen, erkennt man den Wert der Hausarbeit. Mit anderen Worten: Man weiß etwas erst zu schätzen, wenn es nicht mehr da ist. Zwei bemerkenswerte Beispiele dafür sind Mangroven und Korallenriffe. Menschen, die an Küsten leben, können den Wert dessen, was sie für sie leisten, nicht einschätzen, ganz einfach weil sie nicht einmal wissen, dass diese Güter eine besondere Funktion haben, dass sie etwas für sie tun.

Erst wenn ein Tsunami die Küste erreicht und alle Dörfer zerstört, wird der Wert einer solchen Vegetation offensichtlich. Vor ihrer Zerstörung spielten Mangroven aber eine wichtige Rolle beim Schutz der Küstendörfer vor Tsunamiwellen. Es wäre ausgesprochen teuer, eine ähnliche Barriere künstlich zu errichten.“[4]

What to Unlearn, 2014, Abbildung vom Casco-Team und Ester Bartel
4
Im Namen Ninas
Evolution der Porträts von Nina bell. F. Von links: Zeichnung von Yolande Zola Zoli van der Heide, Fotos von fermentierender Bohnenpastenkugel, initiiert von Donghwan Kam im Nina bell F. House Museum, fotografiert von Binna Choi und Marianna Takou, Linoleumdruck von Binna Choi

Die Figur Nina bell F. wurde etwa 2016 von (Ex-)Mitarbeiter*innen, Künstler*innen und Kulturpraktizierenden am Casco Art Institute erfunden. Grundlage war ein gemeinsames Interesse, die noch immer bestehende Praxis der Commons zu erhalten und mittels Kunst jenseits von unterdrückenden institutionellen Grenzen und Gewohnheiten die derzeitige Praxis zu verlernen. Der Name beschwört das künstlerische, schwarze, feministische und politische Engagement von Nina Simone, bell hooks und Silvia Federici herauf. Nina lebt weiter und die Praktiken vieler anderer werden genutzt, um sie als kollektive Figuration zu erhalten, die das individuelle Personsein und die Institution/Organisation sowie die gewöhnliche Unterteilung in Kunstwerk, Arbeit und Leben transzendiert.

 

Das House Museum wurde geschaffen, um die Verkörperung von Nina zu manifestieren und der Öffentlichkeit die Möglichkeit zu eröffnen, Nina zu erkennen und womöglich ein Teil von ihr zu sein. Das Nina bell F. House Museum sammelt und teilt Ephemera, Übriggebliebenes, Notizen, Schnappschüsse neben anderen (zufälligen, aber vielsagenden) Dingen, die aus den Archiven der Ausstellungen, Projekten und Kollaborationen des Casco Art Institute ausgegraben werden und von denen jedes Ninas Geschichte erzählt. Das rückt die unkonventionellen Archivierungsweisen im Herzen kleiner Institutionen in den Vordergrund, die in unserer Zeit einer vorherrschenden Kultur der Sichtbarkeit und der immer schneller werdenden und extrahierenderen Modi Operandi sonst oft unsichtbar, unterschätzt und übersehen bleiben.

Zugleich arbeitet das House Museum im Widerspruch zu anderen institutionalisierten archivalischen Praktiken, die dazu neigen, in Archiven zu horten, zu bewachen und alles zum Stillstand zu bringen, indem es auf Formen der Offenheit, Lebendigkeit und Bedacht besteht, bei denen die Sammlung genutzt werden kann und für Co-Kreation, Austausch und Verbreitung zugänglich ist.

Das Museum selbst mag klein sein, aber es ist potenziell allgegenwärtig, es mag statisch aussehen, aber es brütet immer weiter verschiedene Wesen aus, die einen Weg finden, zusammenzuleben und sich gemeinsam zu verändern. Der in Amsterdam lebende Künstler Donghwan Kam steuerte eine Reihe von kleinen „Gärhäusern“ als Architektur des House Museum bei. Sie sind ein Symbol dafür, dass Ninas Wohnort jenseits des sichtbaren und physischen Reichs liegt und einer neuen Alchemie Raum gibt, die hier entsteht und die kollektiv probiert werden soll.

Blick auf archivalische Installation, Nina bell F. House Museum am Casco Art Institute, 2023. Foto von Chun Yao Lin
Binna Choi

ist Kuratorin, Autorin und Organisatorin. Zurzeit ist sie Kuratorin der Hawai‘i Trienniale 2025. Von 2008 bis 2023 war sie Direktorin des Casco Art Institute: Working for the Commons in Utrecht. Unter ihrer Leitung befasste sich Casco mit den Commons als Alternative zu binären Weltanschauungen und Systemen durch und für die Kunst und übernahm diesen Standpunkt als Richtlinie des Instituts. Ihre wichtigsten kuratorisch-kollaborativen Projekte bei Casco waren Grand Domestic Revolution (2009–2012), Site for Unlearning (Art Organization) (2014–2018), Travelling Farm Museum of Forgotten Skills (seit 2018) sowie die Zusammenarbeit mit Netzwerken wie Arts Collaboratory and Cluster. Choi war auch Co-Direktorin der 11. Biennale in Gwangju, The Eighth Climate (What does art do?). Als Mitglied der Akademie der Künste der Welt in Köln kuratierte sie das Ausstellungsprojekt Gwangju Lessons (2020), die anschließend im Asia Culture Center in Gwangju in Südkorea zu sehen war. Choi ist Fakultätsmitglied am Dutch Art Institute und Beraterin für Afield, das „internationale Netzwerk für kulturelle Veränder*innen“.