Die Akademie wird geöffnet: Oskar Hansens Pädagogik der offenen Form
1994 war der klassizistische Innenhof des Czapski-Palasts, Hauptsitz der Akademie der Bildenden Künste in Warschau, angefüllt mit Stoffen, Vogelhäusern und Klängen. Breite Streifen aus grauer Leinwand, die farbig angesprüht und zwischen den Gebäuden ausgespannt waren, schufen neue räumliche Beziehungen.
Damit wollte Oskar Hansen, Autor dieser Installation, Architekt und emeritierter Professor der Akademie, das Diktat der geschlossenen Form überwinden – mit diesem Begriff beschrieb er vollständig definierte, dominante Räume, die keinerlei Platz für individuellen Ausdruck lassen. Die Installation Zu Bäumen und Vögeln, die in Zusammenarbeit mit Henryk Górka entworfen wurde, bestand aus Formen, die den pompösen Architekturstil des Palastkomplexes und die rigoros symmetrischen Baumreihen durchbrachen und so den Reichtum des Lebens in diesem Innenhof zum Vorschein brachten.
Die über den Köpfen der Menschen ausgespannten Stoffstreifen betonten die einzelnen Bäume und hoben ihre jeweiligen individuellen Silhouetten, die unterschiedlichen Formen und Texturen ihrer Stämme sowie ihre Beziehungen zueinander hervor. Ein schräg über dem Boden aufgespanntes Quadrat, aus dessen Mitte ein Kreis ausgeschnitten war, diente als Rahmen für das üppige Leben auf dem Rasen. Die Installation verwandelte den Innenhof in einen Hintergrund für Veranstaltungen – ein nichthierarchischer, absorbierender Raum, den Hansen eine offene Form nannte.[1]
Zu Bäumen und Vögeln war nicht sein einziger Versuch, die Warschauer Akademie der Bildenden Künste sowohl in räumlicher als auch in pädagogischer Hinsicht zu verändern. Der Architekt, Begründer der Theorie der offenen Form und polnisches Mitglied der Architekt*innengruppe Team 10, war seit den 1950er-Jahren an der Schule, als er von einem Studienaufenthalt in Paris zurückkehrte. Seine Erfahrungen im Westen – Teilnahme an der CIAM Summer School in London und Praktika in den Ateliers von Pierre Jeanneret und Fernand Léger – trafen in der Zeit des Stalinismus auf wenig Wertschätzung. Es ist Jerzy Sołtan, einem ehemaligen Mitarbeiter von Le Corbusier und Dekan der gerade eröffneten Fakultät für Innenarchitektur, zu verdanken, dass er einen Zufluchtsort an der Akademie fand.
Dort unterrichtete er 30 Jahre lang, zuerst als Dozent im Entwurfsatelier Festkörper und Flächen (1955–1970), dann im Atelier Visuelle Strukturen (1971–1981) an der Fakultät für Bildhauerei. Seine Kurse über die Grundlagen der visuellen Komposition waren eine Fortsetzung des Seminars, das Wojciech Jastrzębowski vor dem Zweiten Weltkrieg gegeben hatte, hatte aber ein eigenständiges Curriculum, das auf der Theorie der offenen Form basierte.
Die Theorie der offenen Form war seit den 1950er-Jahren entwickelt und auf dem CIAM-Kongress in Otterlo 1959 vorgestellt worden und definierte alle Bereiche, in denen Hansen aktiv war.[2] Im Gegensatz zur geschlossenen Form, zu der bis dahin viele architektonische Produkte gehörten – dogmatische, hierarchische, vollständig ausdefinierte Räume, die in erster Linie ein Denkmal für den/die Architekt*in waren – führte die offene Form Unbestimmtheit, Flexibilität, Offenheit für Veränderungen und die Mitgestaltung seitens der Nutzer*innen in den Bereich des Entwerfens ein.
Die Architektur, die gemäß diesen Prinzipien entworfen wurde, sollte einen Rahmen für das Leben bieten, als Passepartout dienen, um die Vielfalt alltäglicher Ereignisse herauszustellen und die menschliche Kreativität zu fördern. Es war möglich, die Theorie auf unterschiedliche Disziplinen und Entwurfsmaßstäbe anzuwenden, von Ausstellungspavillons auf Messen über Wohnanlagen, die Hansen gemeinsam mit seiner Frau, der Architektin Zofia Hansen, plante, bis zum Konzept der linearen Städte, die sich durch Polen erstrecken sollten. Sie wurde zu Hansens Lebensphilosophie und zu seiner Art, die Welt um ihn herum zu beschreiben.[3]
Die Theorie durchdrang auch seine Lehrtätigkeit. An die Erfahrung im Entwurfsatelier Festkörper und Flächen, das für alle Studierenden der Fakultät für Bildhauerei in den ersten Studienjahren verpflichtend war, erinnerten sich die Absolvent*innen der Akademie als eine der ideologisch intensivsten ihrer Ausbildung, selbst wenn sie sich später in andere Richtungen orientierten.
Am Anfang des Lehrplans[4] standen eine Reihe von Kompositionsübungen, die auf der Dichotomie von schweren und leichten Objekten, statischen und dynamischen Formen und dem Kontrast zwischen Formen und Größen beruhten. Es folgten Übungen, die mithilfe von didaktischen Apparaturen stattfanden – speziell entworfenen Werkzeugen aus Holz und Sperrholz, die der Beschäftigung mit Fragen des „Rhythmus“, der „Lesbarkeit komplexer Formen“ und der „Lesbarkeit simultaner Bewegungen“ dienten. Einige der Übungen, etwa „Kombinatorik – Entwurf der eigenen Wohnung in einem mehrgeschossigen Gebäude“ oder „Lesbarkeit einer großen Zahl von Elementen“, nahmen unmittelbar architektonische Fragen in den Blick, die zu jener Zeit diskutiert wurden.
So bezog sich „Große Zahl“ auf das Konzept der „größeren Zahl“, anhand dessen Hansen und die anderen Mitglieder des Teams 10 das Problem der ständig wachsenden Bevölkerung und dessen Auswirkung auf die bebaute und die natürliche Umwelt diskutierten. Eine weitere Übung, die von aktuellen Debatten geprägt, in ihrem Ansatz aber einzigartig war, war das „aktive Negativ“, eine skulpturale Interpretation räumlicher Empfindungen, die ein Mensch in einer architektonischen Gestaltung erlebt.
Sie entstand, als die Hansens 1955 ihre Wohnung umbauten, und bezog sich auf das globale Interesse an der Gestaltpsychologie. Von den parallelen Studien des negativen Raums von Bruno Zevi oder Luigi Moretti unterschied sie sich aber, weil sie einen subjektiven, emotionalen Faktor berücksichtigte.
In den 1970er-Jahren wurde Hansens Studio durch die Einführung von Gruppenübungen im Freien bereichert. Sie fanden zunächst auf Initiative junger Absolvent*innen und Künstler*innen statt. Im Dezember 1971 nahm Hansen an einem Treffen des Jungen Kreativworkshops in Elbląg teil, wo der Künstler Przemysław Kwiek vorschlug, die Diskussion nach draußen zu verlegen und Worte durch visuelle Kommunikation zu ersetzen – „die Ausführung einer Schlacht der ,visuellen Taktik‘“, bei deren Strukturierung Hansen mithalf.[5]
Die daraus entstandene Gruppenaktion, die als Ein Spiel auf Morels Hügel bekannt wurde, inspirierte Hansen zu weiteren Übungen, die er und seine Studierenden in Freiluftworkshops in Skoki und Dłużew durchführten. Dort wurden die Studierenden dazu ermutigt, gemeinsam ein Argument zu formulieren, das die Hierarchie zwischen Urheber und Betrachter oder Sender und Empfänger einer Nachricht infrage stellt –jede neue Stimme machte dort weiter, wo die vorhergehende aufgehört hatte. Dabei entstand ein visueller, offener Dialog.
1973, als die Akademie ihren ursprünglichen Standort an der Wybrzeże-Kościuszkowskie-Straße zurückerhielt, wurde beschlossen, das Gebäude als neuen Sitz der Fakultät für Bildhauerei zu nutzen. Hansen, einziger an der Fakultät angestellter Architekt, wurde mit der Gestaltung der Innenräume beauftragt. Er hatte vor, die Gelegenheit zu nutzen, um einen passenden Raum für die Pädagogik der offenen Form zu gestalten.
Ein Plan aus dem Jahr 1981 ist in der Sammlung des Museums der Akademie der Bildenden Künste in Warschau erhalten. Er zeigt, wie weitreichend die Veränderungen waren, die Hansen vorschlug. Anstelle des (teilweise noch immer existierenden) Systems der Meisterateliers mit ihrem immer gleich ausgerichteten Wissenstransfer, starren Hierarchien und der festgelegten Liste von Aufgaben für die Studierenden plädierte er für ein nichthierarchisches, offenes System, in dem die Studierenden ihr Studienpensum und die Studiendauer, Arbeitsweise (allein oder in frei zusammengestellten Teams) sowie die Aufgaben, die sie bearbeiteten, frei gestalten konnten.
Auch sollten sie Professor*innen nur hinzuholen, wenn sie Hilfe oder Rat brauchten, was nicht nur die etablierten Hierarchien infrage stellen, sondern auch ganz klar die Sympathien und Antipathien der Studierenden sichtbar machen würde.[6]
Als er kurzzeitig das Amt des Dekans innehatte, strebte Hansen an, die Pädagogik der offenen Form als offizielle Lehrmethode einzuführen. Er trat jedoch unter dem Druck anderer Fakultätsmitglieder zurück, denen es nicht gefiel, dass er seine eigenen Lehrvorstellungen für den gesamten Fachbereich durchsetzen wollten.
Dass an der Fakultät für Bildhauerei ein Architekt visuelle Komposition unterrichtete, führte zu interessanten Austauschen zwischen den Disziplinen. Die offene Form war zunächst als Architekturtheorie gedacht, wurde aber zur Inspiration für zwei Generationen polnischer Künstler*innen, die – auch ermutigt von Jerzy Jarnuszkiewicz, einem Professor, der parallel ein Atelier leitete und die Fotografie in die Bildhauereilehre einführte – sich der Performance und dem experimentellen Film zuwandten.
Direkte Referenzen und Echos der offenen Form finden sich vor allem im Werk von Grzegorz Kowalski, Wiktor Gutt und Waldemar Raniszewski, KwieKulik (Zofia Kulik & Przemysław Kwiek) sowie in den Werken von Kowalskis Studierenden, darunter Paweł Althamer und Artur Żmijewski.[7]
Es war Svein Hatløy, ein norwegischer Architekt, der in den 1970er-Jahren mit einem Stipendium an die Warschauer Akademie kam und nach seiner Rückkehr nach Norwegen auch dort Architekten von der offene Form überzeugte. Die Studierenden an der Architekturhochschule in Bergen, die Hatløy 1986 gründete, besuchten Hansen in den 1990er-Jahren in seinem Ferienhaus in Szumin, um bei ihm an Sommerkursen teilzunehmen.[8]
Das bescheidene Holzhaus wurde dabei ganz unbeabsichtigt zu einem weiteren Lehrmittel, mit dem sich die Prinzipien der offenen Form erläutern ließen. Es war voll von didaktischen Geräten und erklärte Hansens Vorstellungen durch das unmittelbare Erleben des Raums. Heute ist es ein Denkmal und eine Außenstelle des Museums für moderne Kunst in Warschau und hilft der nächsten Generation, Hansens architektonisches Denken zu verstehen, ganz seinem Motto entsprechend, dass „Philosophie sich besser durch einen Raum vermitteln lässt als durch ein Philosophiebuch“.[9]
ist Architekturhistorikerin, Kuratorin und Herausgeberin und lebt in Warschau. Sie hat Ausstellungen über moderne Architektur und Design kuratiert, darunter The Clothed Home: Tuning in to the Seasonal Imagination (Londoner Design-Biennale, Nationalmuseum in Krakau, Lissabonner Architektur-Triennale, 2021–2022) und Oskar Hansen: Open Form (MACBA in Barcelona, Serralves-Museum in Porto, Yale School of Architecture, Museum für moderne Kunst in Warschau und Nationalgalerie in Vilnius, 2014–2017). Sie war auch Kuratorin des Hauses von Oskar und Zofia Hansen in Szumin (2013–2017) und ist Mitherausgeberin von CIAM Archipelago: The Letters by Helena Syrkus (mit Katarzyna Uchowicz und Maja Wirkus, 2019) und Oskar Hansen – Opening Modernism: On Open Form Architecture, Art and Didactics (mit Łukasz Ronduda, 2014). Zurzeit arbeitet sie für das Historische Museum der Stadt Warschau.