Sim Van der Ryn und die „Outlaw Builders“
Sim Van der Ryn erkundete die Gegenkultur des Selbstbauens auf persönliche und implizit politische Weise. Als sie in der Studiokultur der Architekturhochschule verbreitet wurde, wurde sie auch pädagogisch und in beruflicher Hinsicht zu einem subversiven Akt.
In seinem Vorwort zu Handmade Houses: A Guide to the Woodbutcher’s Art, einer 1973 erschienen Publikation über das Selbstbauen, bekannte Sim Van der Ryn, der als Architekturprofessor an der Universität Berkeley lehrte, wie schwierig es ist, sich die Kunst des Do-it-yourself (DIY)-Handwerks anzueignen. Zugleich betonte er die Bedeutung des DIY-Bauens, um die Grenzen zu überwinden, die „aus der Maschinenmetapher und der Trennung der Arbeit der Handwerker*innen von ihrer Identität entstehen“.
„In meinen 14 Jahren architektonischer Praxis habe ich nie eine Zapfenverbindung entworfen, denn das hätte zu viel Handarbeit erfordert und wäre angesichts der Tischlergehälter viel zu teuer gewesen. Nun lerne ich, sie selbst anzufertigen. Ich brauche sehr lange, um die Schuldgefühle zu überwinden, die ich habe, weil ich Tage harter Arbeit damit verbringe, Dinge zu lernen, die in meiner Ausbildung nicht vorgesehen waren. Es dauert lange, die einfache Befriedigung zu akzeptieren, die sich einstellt, wenn man tut, was ich tue, nämlich in der Gegenwart leben.“[1]
Der Beruf des/der Architekt*in identifiziert sich als anerkannte, lizensierte Profession und schafft so eine Distanz zwischen seiner Entwurfspraxis und der von Amateur*innen, um so seine berufliche Identität und seinen sozialen Status aufrechtzuerhalten. Gerry Beegan und Paul Atkinson weisen darauf hin, dass die Professionalisierung „als ein Ausschlusssystem funktioniert, indem sie Kriterien aufstellt, die – absichtlich oder nicht – einzelne Personen oder Gruppen auf der Grundlage von Geld, sozialem Status, Ethnizität und Gender ausschließen“.[2]
Ausbildungsprogramme für Architekten und ihre Anerkennungsprüfungen beschränken den Zugang zum Beruf des/der Entwerfer*in und verfestigen die professionellen Normen und Werte. Die Trägheit des Systems lässt Veränderungen nur langsam zu und macht sie so beherrschbar. Im akademischen Jahr 1971/72 schaffte es ein Wahlfachstudio am College of Environmental Design (Hochschule für Umweltgestaltung) in Berkeley, diese regulativen Mechanismen zu umgehen.
Im Vorlesungsverzeichnis war es als „Arch102ABC: Integrated Synthesis of the Design Determinants of Architecture“ (Integrierte Synthese der Entwurfsdeterminanten in der Architektur) aufgeführt. Dass seine Agenda der Gegenkultur verpflichtet war, ließ sich an den beiden Bezeichnungen ablesen, unter denen der Kurs gewöhnlich bekannt war: „Making a Place in the Country“ (Einen Ort auf dem Land schaffen) und das „Outlaw Builder Studio“ (Baustudio der Gesetzlosen).
Die Dozenten Sim Van der Ryn und Jim Campe rekrutierten Studierende für ein ganzes akademisches Jahr voller Forschung und Bautätigkeit auf einem bewaldeten Hügel neben dem Naturschutzgebiet Point Reyes National Seashore im Marin County nördlich von San Francisco. Metaphorisch betrachtet war der Kurs Arch102ABC ein Trojanisches Pferd. Seine „vor Ort gesammelten Erfahrungen in Theorie und Praxis grundlegender Bauplanung, Flächennutzung und dörflicher Techniken“ versetzten das auf einen professionellen Abschluss ausgerichtete Programm mit den Methoden, Idealen und Bauaufgaben der Zurück-aufs-Land-Bewegung der Hippies.[3]
Van der Ryn und Campe brachten die idealen Voraussetzungen mit, um eine Zersetzung der professionellen Designpädagogik im Stil einer fünften Kolonne zu inszenieren. Trotz seiner „Verstimmung über die Architekturhochschule“ als Student an der Universität von Michigan erlebte er eine „Offenbarung“[4], als er eine Vorlesung von Buckminster Fuller hörte. Ein zweite hatte er Mitte der 1960er-Jahre, etwa zu der Zeit, als er eine Dozentenstelle in Berkeley angenommen hatte. Seine Teilnahme an der klinischen Studie, die den Einfluss von LSD auf die „Kreativen“ – eine Kategorie, zu der Wissenschaftler, Ingenieure und Designer zählten – messen sollte, öffneten ihm die Pforten der Wahrnehmung.[5]
Als Berkeley-Studierende und Hippies 1969 einen ungenutzten Häuserblock besetzten, der der Universität gehörte, und ihn als DIY-Gemeinschaftsgelände nutzten, das sie People’s Park (Volkspark) nannten, war Van der Ryn von dem „spontanen partizipatorischen Designprozess“ begeistert und dann entsetzt über Gouverneur Ronald Reagans militarisierte Antwort darauf. Dass Zivilisten Schussverletzungen erlitten, ein Beobachter erschossen wurde und dann das Spektakel eines Militärhubschraubers folgte, der den Campus mit einer aggressiven Tränengasform besprühte, die für den Einsatz in Vietnam vorgesehen war, „rüttelte mich wach“, wie sich Van der Ryn später erinnerte.[6]
Plötzlich durchdrangen die Werte der Gegenkultur seine Lehre und seine Entwürfe. 1970 nahm Van der Ryn an zwei epochalen Designkonklaven teil. Er rief Hippie-Maker zum Outdoor-Festival „Freestone“ zusammen, „um den Entwurf neuer sozialer Formen, neuer Bauformen, die im Einklang mit dem Leben stehen, zu erlernen“. In Begleitung einer Gruppe von Ökofreaks, die mit dem Bus zum Colorado reisten, wofür Forschungsgelder der Universität umgeleitet wurden, mischte er die International Design Conference in Aspen auf.[7]
Er tat sich mit Jim Campe zusammen, einem Umweltschützer und Reformer der „freien Schule“. Gemeinsam schrieben sie eine Do-it-yourself-Publikation, das 1971 erschienene Farallones Scrapbook. Mit ihr sollten die Lektionen der Selbstbaumethoden der Hippies sowohl in Schulen als auch in der Elementarpädagogik angewandt werden.[8]
Bei einer weiteren Zusammenarbeit organisierten Van der Ryn und Campe einen Angriff der Gegenkultur auf die etablierte Architekturausbildung – das geschah bemerkenswerterweise aus einem akademischen Programm heraus, das vom National Architectural Accrediting Board zertifiziert war, einer Organisation, die geschaffen worden war, um die standardisierten Fähigkeiten des Berufs zu regulieren und zu reproduzieren.
Das Outlaw Builders Studio verschmolz neue Arten der ökologischen Analyse mit handwerklichen Baumethoden und der Ethik des Landschaftsschutzes. Morgendliche Workshops, die auf dem Baugelände stattfanden, vermittelten das Wissen, das benötigt wurde, um auf dem Land Fuß zu fassen. Themen waren etwa „Anpassung an die natürliche Umgebung“, Kartierung des Geländes, Entwurf der Gebäude, Werkzeuggebrauch, Zimmermannshandwerk und Holzständerbauweise sowie „Energie- und Abfallsysteme“. Zusätzlichen Unterricht erteilten Gastdozent*innen „in Wissensbereichen und Techniken, die für unsere Interessen relevant waren“.
Der Lehrplan enthält Vorträge auf der Baustelle über „mobile Lebensstile“ von Mitgliedern der Kunstkommune Ant Farm; Gordon Ashby, der im Designbüro Eames gearbeitet hatte und Herausgeber der Sondereditionen des Whole Earth Catalog war, unterrichtete grafische Dokumentation, über Materialeigenschaften von Holz informierte der Bildhauer J. B. Blunk, regionale Ökologie lehrte Gordon Onslow Ford, ein ehemaliger Surrealist, der in Paris gelebt hatte und nun ein Schüler des Zenmeisters Hodo Tobase in San Francisco war; Ökopsychologie unterrichtete der Vertreter der Naturtherapie Robert Greenway und in das „Abstauben“ führte Doug Hall ein, ein Mitglied des Kunstkollektivs T. R. Uthco in San Francisco.[9]
Die Vielfalt der Gäste und die Bandbreite ihrer Vorträge lassen das ausgedehnte Feld des Gegenkulturdesigns und seiner verwegenen Mischung aus empirischer, spiritueller und ästhetischer Aufklärung erkennen.
Baumaterialien zusammenzustibitzen statt es mit Geld zu kaufen, erwies sich auch als transformativ und brachte neue Kenntnisse mit sich, die zur Verinnerlichung eines abstrakten Verständnisses von ökologischer Nachhaltigkeit beitrugen. Um ihren „Ort auf dem Land“ zu schaffen, ergatterten die Architekturstudenten aus Berkeley alte Redwood-Bretter von Hühnerställen, die von lokalen Geflügelzüchtern aufgegeben wurden, als sie zur Massentierhaltung übergingen.
Indem sie baufällige Schuppen abbauten, Hühnermist von dem geretteten Holz kratzten und die auf die harte Tour gewonnene Beute zum Camp zurücktransportierten, erwarben sich alle Studierenden einen Kampfnamen – zum Beispiel „Chickencoop Charlie“ –, der mit einer Urkunde gefeiert wurde, die den Besitzer oder die Besitzerin berechtigte, „sich vor allen Menschen Outlaw Builder zu nennen, mit allen Rechten und Privilegien, die damit einhergehen“.[10] Dass sie sich Outlaws nannten, war kein Witz, denn nichts, was die Studierenden bauten, entsprach den gesetzlichen Vorgaben oder hatte eine Baugenehmigung.
Die Studierenden erbauten ein DIY-Dorf rund um die „Arche“, eine Werkstatt und Zeichenatelier, das auch als gemeinsamer Essraum diente. Um die Arche herum entstanden im Verlauf des akademischen Jahrs private Schlafhütten, eine Sauna, ein Küchenhaus, ein Outdoorofen, Gemeinschaftsduschen, eine Komposttoilette und ein selbstkompostierender Hühnerstall. Am Ende des Jahres verfassten die Studierenden des Kurses Arch 102ABC gemeinsam einen Abschlussbericht über das experimentelle Studio in Gestalt der Untergrundpublikation Outlaw Building News, die sich so schnell verkaufte, wie sie gedruckt werden konnte.
Eine Teilnehmerin bewertete ihre Hippielehre so: „Dies war das erste von 13 Schuljahren, in denen der Community und der Umwelt nicht widersprochen wurde, sondern in dem sie realisiert wurden.“[11] „Das war ein „Seminar über Lebensarchitektur”, reflektierte ein anderer Student. Die sei eine Gelegenheit gewesen, „ein Haus zu bauen, in dem mein physisches Selbst existieren konnte … ein Bewusstsein, in dem mein spirituelles Selbst existieren konnte“.[12]
Die idyllische Umgebung und Prinzipien kamen manchen eskapistisch vor: „Mein soziales Bewusstsein sagt mir, dass ich elitäre Spiele spiele“, kommentierte ein anderer Outlaw Builder.[13] „Wir teilen in gewisser Weise den Glauben daran, dass das, was wir tun, ein Weg ist, etwas über uns und über das Bauen zu lernen“, sagte Van der Ryn. „Wir verfolgten kaum eine gemeinsame Ästhetik, außer vielleicht, dass wir alle Achtung vor dem Land hatten und den Wunsch, so viele heimische und wiederverwertete Materialien zu nutzen wie möglich.“[14]
Indem im Kurs Making a Place in the Country das Zusammensuchen von Baumaterialien, Do-it-yourself-Bauweisen, Hippienomadentum und Ökometaphysik gelehrt wurden und das mit einer unbeschwerten Missachtung des Flächennutzungsplans und der Baugesetze vermischt wurde, verkörperte Making a Place in the Country die Art von „Aufteilung des Sinnlichen“, die sich mit dem Konzept des Dissens assoziieren lässt, die der Philosoph Jacques Rancière entwickelt hat.[15]
Das ländliche Studio, das von Van der Ryn und Campe organisiert wurde, kritisierte grundlegend die Arbeitspraktiken in den Design- und Bauberufen. Obwohl im Text der Outlaw Building News keine Theorie dieses Ansatzes entwickelt wurde, erschien auf dem Cover der Studierendenpublikation doch der Vorschlag für eine alternatives Ethos in der Architekturarbeit.
Abgebildet ist ein historisches Foto, das die Errichtung einer Scheune, ein barn raising, zeigt, bei dem Frauen und Kinder zu sehen sind, die sich um das Fundament des schweren Holzrahmens scharen, und stolze Handwerker mit Hüten und Werkzeugen winken, während sie gewagt hoch oben auf dem Bauwerk balancieren.
Diese Bautradition, die heute vor allem noch in amischen und mennonitischen Gemeinden der alten Ordnung besteht (und selbst dort immer seltener zum Einsatz kommt) und bei der Freiwillige beim Bauen helfen, war im ländlichen Raum der USA im 19. Jahrhundert weit verbreitet, weil viele Menschen benötigt wurden, um ein Haus zu bauen, und gelernte Handwerker*innen meistens nicht zur Verfügung standen. Die erfahrensten Nachbar*innen führten die Mannschaft an und andere folgten ihnen und lernten dabei das Bauen.
Bei der Arbeit ging es nicht um Bezahlung, sondern um Gegenseitigkeit. Die Mitarbeitenden wussten, dass die Nachbarinnen und Nachbarn kommen und ihnen helfen würden, wenn sie selbst etwas bauen müssten. Als Form gemeinschaftlicher Arbeit, die abseits der Wirtschaft mit Lohnarbeit bestand, bot das barn raising auch das Vergnügen einer geselligen Zusammenkunft.
Die Amischen nennen diese Art der Arbeit, die sowohl sozialen als auch praktischen Zwecken dient, ein frolic (Ausgelassenheit, Frohsinn) – ein wirklich passender Begriff für die Baubestrebungen der Gegenkultur. Dass die Outlaw Builders eine amische Tradition heraufbeschwören, kann natürlich als kulturelle Aneignung abgelehnt werden: ein diffamierender Tropus, der so verallgemeinernd und irreführend ist wie der vom „faulen Hippie“.
Alternativ kann es als ein Versuch betrachtet werden, eine „brauchbare Vergangenheit” zu identifizieren, wenn man auf ein visuelles Dokument einer Tradition von eigenständigem Bauen zurückgreift, die Arbeit als Ware und Fertigkeiten, die nur einer Gruppe vorbehalten sind, ablehnt. Den Begriff „brauchbare Vergangenheit“ prägte der amerikanische Literaturkritiker Van Wyck Brooks, um frühere Bemühungen hervorzuheben, die radikales Denken und Handeln im Hier und Jetzt prägen können.[16]
In ihrem Streben danach, die Communitys einer nachhaltigen Gesellschaft und ihre Formen einer „gerechten Lebensgrundlage“ zu definieren, griffen die Selbstbauer der Gegenkultur über die eigene Zeit hinaus und prüften die archaische Vergangenheit und die pharmakologische Zukunft auf ihre Verwendbarkeit als Werkzeuge des Widerstands. Und auf ähnliche Weise stehen uns Berichte ihrer Leistungen und Do-it-yourself-Ideologie zur Verfügung, sollten wir sie je für unsere heutigen Projekte der eigenen Neuerfindung benötigen.
ist Professor für Architekturgeschichte an der University of California in Berkeley. Er erforscht die Baukulturen des 20. Jahrhunderts. Für die Installation von Hippie Modernism: The Search for Utopia am Kunstmuseum Berkeley und am Pacific Film Archive wirkte er als Gastkurator und schrieb auch für den Ausstellungskatalog. Seine aktuelle Forschungsarbeit befasst sich mit dem Erbe der Region San Francisco Bay als Wiege alternativer Design- und Baupraktiken sowie der Rolle amerikanischer Musterhäuser im 20. Jahrhundert als Instrument des Prototyping von spekulativen Materialkulturen und Lebensstilen.