Vorwort: Progressive Lerngemeinschaften als fortlaufendes Experiment
Die Suche nach neuen Gemeinschaften, nach gemeinschaftlichen Lebens- und Arbeitsweisen erlebt ein Revival. Gerade in Krisenzeiten hat die Sehnsucht nach kollektivem Leben, Lernen und Arbeiten, nach einer alternativen Art von Lebensgestaltung Konjunktur – in den 1920er-Jahren genauso wie heute.
Gemeinsames Handeln und Wirken schafft Hoffnungen auf neue Lebens- und Gesellschaftsmodelle, lässt neue Handlungs- und Denkräume entstehen. Das commoning, ein lebendiger Prozess, der auch als Gemeinschaftsgestaltung definiert wird, hat die Entstehung neuer Gemeinschaften im 20. Jahrhundert und darüber hinaus geprägt. In gemeinschaftlich begründeten Wirtschaftssystemen, Gemeinschaftsgärten oder alternativen Wohn- und Bildungsprojekten ging es nicht nur darum, eigene Bedürfnisse zu erfüllen und gemeinsame Ressourcen zu verwalten, zu teilen und zu nutzen, sondern in erster Linie um persönliches Engagement und eine aktive Zusammenarbeit, eine Verbindung mit anderen.
Dabei sind Commons nicht vordergründig als Ressourcen oder Güter zu betrachten, sondern vielmehr als Gefüge in sozialen Strukturen und Prozessen. Silke Helfrich und David Bollier beschreiben Commons als Zufriedenheit stiftende Muster, die „in der Kombination von Persönlichkeit, Ort, Kultur, Zeit und politischen Gegebenheiten“ entstehen. Commons, so die Autor*innen weiter, „fordern uns auf, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten und grundsätzlich anzuerkennen, dass ein Ich aus Beziehungen hervorgeht und nur in ihnen und aus ihnen heraus existieren kann (…) Diese Wirs sind mehr als eine Summe von Individuen. Sie entstehen in realer wie virtueller Begegnung und im gemeinsamen Tun.“[1]
Unsere Gesellschaft, die größte Gemeinschaft, in der wir leben, ist per se nicht stabil. Alles ist möglich, alles kann anders sein, von einem Moment auf den anderen. Corona, Klimawandel, Krieg, Krisen, persönliche Freiheiten, gemeinsame Verpflichtungen – es gab und gibt immens viel auszuhandeln. Entlang der Spannungsfelder zwischen offen und geschlossen, urban und ländlich, Jung und Alt, Ost und West, Nord und Süd formieren sich die neuen Gemeinschaften. Dabei treibt uns die soziale Ungleichheit weit auseinander, nicht nur räumlich, sondern auch was unsere Erfahrungen betrifft. Immer stärker nehmen wir die Welt aus völlig unterschiedlichen Perspektiven wahr und scheinen dabei kaum mehr bereit zu sein, uns mit der Gegenseite zu beschäftigen. Auch gerade mit Blick auf die Vielfalt in den aufstrebenden digitalen Gemeinschaften stellt sich die Frage: Sind wir wirklich offen für unterschiedliche Ansichten und Hintergründe oder bewegen wir uns bloß in separaten Echokammern der Zustimmung? Verkommt commoning hier zu einem rein naiven Wunschdenken oder trägt es gar zur Verklärung gegenwärtiger Problemlagen bei?
Thematisch widmet sich die dritte Ausgabe des E-Journals im digitalen Atlas Schools of Departure den vielfältigen Formen und Dynamiken neuer Gemeinschaften im Bereich der Gestaltungsbildung. Reformpädagogische Lerngemeinschaften entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts als Reaktion auf die Unzulänglichkeit traditioneller Unterrichtsmethoden angesichts der Herausforderungen der Moderne und strebten eine ganzheitliche Erneuerung von Bildung und Ausbildung an. In dieser Ausgabe werden verschiedene historische Fallstudien, aber auch aktuelle Ansätze zur Schaffung alternativer Lernumgebungen in Kunst, Architektur und Design untersucht.
Wie können neue Lerngemeinschaften gelingen, beziehungsweise: Woran scheitern sie? Bereits am Beispiel des historischen Bauhauses wird ein zentraler Faktor sichtbar: Es handelt sich bei diesen neuen Gemeinschaften zumeist um zeitlich begrenzte Vorhaben. Im Spannungsfeld von individueller und gemeinschaftlicher Kreativität werden kollektive Arbeitsweisen getestet. Mit der Gründung einer neuen Gemeinschaft wird zumeist einer zentralen Idee, einem Konzept und Manifest gefolgt oder zumindest einer Fragestellung nachgegangen. Idealerweise stärken sich hierbei Theorie und Praxis gegenseitig. Die Frage „Wie wollen wir heute und zukünftig miteinander leben und lernen?“ geht mit einer praktischen Verpflichtung einher: „Wer denkt nicht nur über die Zukunft nach, sondern probiert hier und heute bereits Neues aus?“
Im historischen Bauhaus als Lebens-, Lern- und Arbeitsgemeinschaft manifestierten sich diese Fragen im Ziel: Bauen für eine neue Gesellschaft. Mit den Werkstätten als Gerüst für Ausbildung und Produktion, der Zusammenarbeit unterschiedlicher Disziplinen und Ausbildungsstufen und den sozialen Bindungen zwischen Mitgliedern bildete sich eine polymorphe Lerngemeinschaft auf Zeit. Die Existenz und Kraft der Kollektive gründete auf wesentlichen Faktoren wie einer notwendigen Infrastruktur, konkret erprobten Praktiken, Ritualen und Festen sowie dem Wissen um Zugehörigkeit und einem Bewusstsein für sozialen Zusammenhalt.
Die Autor*innen dieses Journals gehen der Frage nach, wie pädagogische Reformversuche die Vorstellung von Bildung und Gemeinschaft in der Vergangenheit geprägt haben. Einige dieser Versuche entwickeln sich bis heute in verschiedenen pädagogischen Ansätzen und Schulen weiter. In ihren Beiträgen analysieren sie, wie sich Lehrende und Lernende zusammenschließen, um ihre Umgebung zu gestalten, in Nachbarschaftlichkeit Wissen zu teilen und neue, experimentelle Formen der Gesellschaftsgestaltung, des Lernens und Zusammenlebens auszuprobieren. Sie beschreiben dabei neue Räume, in denen Menschen persönliche Initiative und Verantwortung für die eigene Lebens- und Mitwelt entwickeln. Sie beschreiben kollektive Praktiken und Lernprozesse, in denen bewusst nach einer anderen Logik, nach alternativen Denkkategorien und einer neuen Sprache gesucht wird, oft losgelöst vom politischen Alltag.
Wer fühlt sich zugehörig und wer gehört zur Gemeinschaft? Grundsätzlich gibt es immer Personen im Innen oder Außen, damit schließt Zugehörigkeit gleichermaßen ein und aus. Mitunter entstehen hier die Ursachen für das Scheitern einer Lerngemeinschaft, zusätzlich begünstigt vom gesellschaftlichen Klima, politischen Druck, von Schwellenängsten, Hierarchien oder finanzieller Abhängigkeit. Die im Journal porträtierten historischen und aktuellen Fallstudien zeigen die Vielfalt möglicher Experimente – weniger als Patentrezept für eine gelingende Entwicklung von Gemeinschaften, sondern vielmehr als Testfeld möglicher Versuchsanordnungen.
Greg Castillo stellt in seinem Beitrag einen Kurs für Architekturstudierende an der Berkeley University im Jahr 1970/71 vor, der der Agenda der Gegenkultur verpflichtet war und unter dem Titel „Making a Place in the Country“ und „Outlaw Builder Studio“ bekannt geworden ist. Castillo sieht in ihm eine Kritik an den Arbeitspraktiken in den Design- und Bauberufen und einen Angriff der Gegenkultur auf die etablierte Architekturausbildung. So wurden für diesen Kurs Studierende und Freiwillige rekrutiert, um für ein Jahr nördlich von San Francisco auf einem bewaldeten Hügel zu leben und zu bauen. Im Outlaw Builder Studio verschmolzen neue Arten der ökologischen Analyse mit handwerklichen Baumethoden und der Ethik des Landschaftsschutzes.
Ausgehend von der Installation Zu Bäumen und Vögeln skizziert Aleksandra Kędziorek die Pädagogik Oskar Hansens und seine Versuche, das Diktat der geschlossenen Form zu überwinden. Hansen, von 1952 bis 1983 Professor der Warschauer Akademie der Bildenden Künste, arbeitete mit seinem Konzept der „Offenen Form“ gegen vollständig definierte, dominante Räume. In seiner hier besprochenen Installation verwandelte er einen Innenhof der Hochschule in einen Hintergrund für Veranstaltungen. Zeitlebens ging es ihm um die Entwicklung nichthierarchischer, absorbierender Räume, Platz für individuellen Ausdruck sowie die Mitgestaltung und Einbeziehung der Nutzer*innen in den Prozess des Entwerfens.
Als poetische Triade (leben, arbeiten und studieren) umschreibt Andrés Garcés Alzamora das chilenische Schulprojekt Ciudad Abierta (Offene Stadt). Entstanden als Idee an der Universidad Politécnica de Cataluña, schufen ab Mitte der 1950er-Jahre Dichter*innen, Architekt*innen und Künstler*innen das Manifest der Ciudad Abierta Amereida (zusammengesetzt aus den Worten Amerika und Eneida, spanisch für Aeneis) und etablierten auf dieser Grundlage einen Begegnungsort von Poesie und Handwerk, eine Schule, in der die Dichtung bis heute einen Platz im Kollektiv hat.
Die pädagogischen Experimente der Ant Farm von 1971, die Lee Stickels im Journal vorstellt, zielen ebenfalls auf die Neugestaltung der Architekt*innenausbildung durch radikale, alternative Lebensweisen. Mit den Idealen dieser Zeit vertraten sie die Vorstellung vom Lernen als einem „fortlaufenden Lebensprozess“ und von der Notwendigkeit, sich von traditionellen pädagogischen und beruflichen Institutionen, Räumen und Modalitäten zu lösen. Die Architekturlehre sollte radikal zu einem erweiterten Raum für situatives Lernen umgeformt werden, mit Happenings am Strand und anderen Experimenten der „Lifekunst“. Ihr Credo: „Alles aus dem Alltag muss magisch werden.“
„Magisch“ ist für Heidi Gruner der legendäre Campus in Black Mountain, North Carolina. In den von ihr seit 2016 mit initiierten Sommerkursen der School of the Alternative stehen eine Gemeinschaftsvereinbarung, solide Strukturen, Gemeinschaftspraktiken, Methoden für menschliche Konfliktbewältigung, eine radikale Weltgestaltung und Fürsorge für die Gemeinschaft im Vordergrund. Mit ihrem Team versucht sie einmal im Jahr, gemeinschaftlich ein ephemeres Modell der Welt entstehen zu lassen, von dem alle Beteiligten träumen, ohne dabei Ressourcen zu horten oder Wächter*in des Wissens zu sein.
Die Kuratorin Binna Choi hat den kollektiven Transformationsprozess am internationalen Casco Art Institute in Utrecht geleitet und begleitet. Unter dem Zusatz „Working for the Commons“ hat sich das Institut in den letzten Jahren verstärkt dem Praktizieren und Teilen von Gemeingut und der Erforschung von Commons und deren Verbindung zur Kunst verschrieben. Die Arbeitsweise von Casco dabei immer wieder zu „verlernen“, um die Beziehung zu den Commons zu gestalten, ist nicht nur für Binna Choi, der langjährigen Direktorin des Institutes, unabdingbar. In ihrem Artikel widmet sie sich dem Transformationsprozess dieser Lerngemeinschaft, die seit nunmehr 33 Jahren wächst und sich weiterentwickelt – von einer Plattform der Repräsentation hin zu einem selbstlernenden Ökosystem für die Kunst des Commoning.
Für Fernando Garcia Dory ist es nicht nur zur kreativen Übung, sondern zur Überlebensfrage geworden, Gewohntes zu verlernen, Altes wiederzuerkennen und von kleinbäuerlichen und indigenen Weltanschauungen zu lernen und damit neue Vorstellungswelten zuzulassen. Nach seiner dreijährigen Erfahrung im Casco Art Institute gründete er 2009 die Agentur Inland, die als Plattform für verschiedene Akteure in der landwirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Produktion tätig ist. Das Inland-Projekt mobilisiert dabei Künstlercrews, um von ländlichen Gemeinden zu lernen und ein mit dem Land verbundenes Leben zu führen. Mit künstlerischen Werkzeugen wie mobilen Küchen, Radiostationen oder „Microarchitectures of Farming“ aktivieren sie den ländlichen Raum. Sie befassen sich mit ländlichem Kunsthandwerk und finden dabei heraus, was im Kern der Kunst- und Designerziehung verändert werden muss.
ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und seit 2018 stellvertretende Leiterin der Akademie der Stiftung Bauhaus Dessau. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich Pädagogik, Design und digitale Vermittlung. Nach einem einjährigen Zertifizierungslehrgang zum „Digital Curator“ an der Pausanio-Akademie, Köln, verantwortet sie seit 2021 den Digitalen Atlas „Schulen des Aufbruchs“ und seit 2020 die Entwicklung der digitalen Online-Projekte Bauhaus Open Studios und Vorkurs Module. Seit 2015 ist sie für das internationale Hochschulprogramm der Bauhaus Open Studios verantwortlich. Von 2005 bis 2014 war die Medien-, Theater- und Erziehungswissenschaftlerin (M.A.) als Referentin des Direktors der Stiftung Bauhaus Dessau tätig.