Experimentelle Praktiken der Minium Cost Housing Group
Mehr als 50 Jahre nach ihrer Gründung bewerten Vikram Bhatt und Leonie Bunte das Vermächtnis der Minimum Cost Housing Group und identifizieren fünf einfache experimentelle Ansätze als Schlüsselfaktoren für die anhaltende Relevanz der Arbeit der Gruppe.
1970 stellte der kolumbianische Architekt Alvaro Ortega, ein Wohnungsbauexperte der UNO, an der Architekturfakultät der McGill University in Montreal die Minimum Cost Housing Group (MCHG) zusammen. Die international ausgerichtete Gruppe sollte die schwierige Aufgabe lösen, Wohnraum für Arme zu schaffen. 50 Jahre lang kamen Wissenschaftler*innen und Studierende aus aller Welt unter der Leitung von Ortega (1970–73), Witold Rybczynski (1973–88) und Vikram Bhatt (1988–2019) zusammen, um dieses Problem gemeinsam zu lösen. Die MCHG experimentierte mit innovativen Gebäudekonzepten und einfachen Technologien, die normalen Nutzern zur Verfügung standen. Ernst Friedrich Schumacher befasste sich in seinem Buch Small is beautiful – Die Rückkehr zum menschlichen Maß (1973, dt. 1977) mit angemessenen Technologien (appropriate/intermediate technologies) und prägte den Begriff schon 1962.[1] Die Gruppe wählte einen pragmatischen Ansatz und befasste sich weniger mit Schumachers philosophischem Dilemma als mit praktischen Fragen, die in ihren Bauexperimenten aufkamen, zum Beispiel: was sich lokal im kleinen Maßstab und mit einfachen Werkzeugen erreichen lässt, wie sich die Nutzung knapper Ressourcen einschränken lässt, indem Abfälle aus Industrie und Haushalten recycelt werden, um sie in minimale Do-it-yourself-Baulösungen zu verwandeln, sowie mit Wasserspartechniken und kostengünstiger Abfall- und Abwasserentsorgung. Die ECOL Operation der MCHG, ein autonomes Musterhaus, sowie das Prinzip des ökologischen Hinterfragens sind Vorläufer des heutigen Strebens nach Nachhaltigkeit.[2]
In seinem Buch Paper Heroes (1980) stellte Witold Rybczynski das Konzept der angemessenen Technologien in Frage.[3] Sein kritischer Bericht über die Arbeit des vorhergegangenen Jahrzehnts stellte schließlich einen theoretischen Rahmen zur Verfügung. Allmählich bewegte sich die Gruppe über den Bereich der Universität hinaus und begann eine Zusammenarbeit mit globalen Partnern, um zu experimentieren und zu bauen. In einer Retrospektive aus jüngerer Zeit zeigte die Ausstellung Design for the global majority (Oktober 2023) an der McGill University die Arbeit der MCHG, die in fünf praktische Felder eingeteilt wurde: 1. Upcycling, 2. Nutzbarmachung, 3. Planung, 4. Umsetzung und 5. Hack (kluge Lösungen). Sie dienen als guter Ausgangspunkt für den digitalen Atlas der Designbildung und -technologien.[4]
Die MCHG sammelte und recycelte verfügbare, kostengünstige Materialien wie Schwefel und verwendete sie wieder. Um aus ihnen kleine Baukomponenten wie Verbundsteine für Wände, Böden und Dächer zu machen, setzte die MCHG einfache Werkzeuge und Techniken ein. Diese experimentelle Arbeit war für die Gruppe der erste pragmatische Schritt in das Reich der kostengünstigen Technologien. Die genutzten Tools wurden an ein Minimum an Ressourcen angepasst, damit das Bauen mit einer kleinen Gruppe möglich war (Abbildung A). Das autonome ECOL-Haus von 1972 für warme Klimaregionen auf dem Campus der McGill University und das Maison Lessard von 1974 in St-François-du-Lac, Quebec, das für niedrige Temperaturen entworfen wurde, zeigten den innovativen Ansatz des Teams und das Potenzial von Schwefel und anderen unkonventionellen Baumaterialen. Weitere Materialforschungen wurden wegen des rapiden Preisanstiegs bei Schwefel nicht mehr durchgeführt. Trotzdem blieb es ein besonderes Kennzeichen der MCHG, kleine modulare Komponenten zum Selberbauen zusammenzustellen. Dies wurde später von Kollegen fortgesetzt und sogar vermarktet.
Trinkwasser ist eine kostbare und knappe Ressource. Daher konzentrierte sich die MCHG auf die Einsparung von Frischwasser und befasste sich mit kostengünstigen Infrastrukturen, vor allem mit unkonventionellen wasserlosen Sanitäreinrichtungsexperimenten. 1973 begann die MCHG mit der Erforschung wasserloser Abfallentsorgungssysteme und entwarf Bauanleitungen für Komposttoiletten, die die Endnutzer selbst bauen konnten. Dabei mussten mehrere Hürden überwunden werden. Dieser Aspekt der neuartiger Arbeit der MCHG umfasste auch die solare Destillation zur Wasserreinigung, Wasser- oder Regenwassersammlung, Recycling, solarbetriebene Warmwasserbereitung mithilfe von Müllsäcken, die Zerstäubung beim Waschen zur Wassereinsparung sowie Nebelduschen. Das Ergebnis der Forschung führte zu zwei der erfolgreichsten MCHG-Publikationen, Stop the Five Gallon Flush (Stoppt die 20-Liter-Spülung), und Water Conservation and the Mist Experience (Wassersparen und die Nebelerfahrung). Die Veröffentlichungen schlugen eine Brücke zwischen internationaler Entwicklungsforschung, der richtigen Technologiebewegung, den Veröffentlichungen der Gegenkultur und ökologischem Design. Solche Aspekte der Arbeit der MCHG wurde manchmal natürlich von der Industrie und lokalen Gruppen, die Ähnliches anstrebten, übernommen. Heute sind Toilettenspülungen, Duschköpfe und Wasserhähne mit geringem Wasserverbrauch Standard. In Indien hat die NGO Sulabh International erfolgreich wassersparende Komposttoiletten entwickelt. Dabei hat sie die Schnittstelle zwischen Toilette und Nutzer*in und der gängigen kulturellen Praxis, Wasser zur Reinigung zu benutzen, verstanden und Millionen Kübellatrinen in Toiletten mit wassersparenden Spülungen oder Latrinenspülklosetts, wie sie auch genannt werden, umgewandelt.
Seit den frühen 1980er-Jahren dokumentiert die Gruppe die architektonischen und räumlichen Praktiken informeller Siedlungen und ihrer Bewohner*innen. So kann die MCHG die Arbeit von kleinen Techniken auf städtische Pläne erweitern. In der Veröffentlichung How the other half builds, vol. 1 (1984) wird die Gemeinschaftsstudie mit der von Balkrishna Doshis gegründeten Vastu-Shilpa-Stiftung, die später in dem preisgekrönten Projekt für kostengünstigen Wohnungsbau, Aranya, zum Einsatz kam, dokumentiert. Die MCHG entwarf dafür eine Siedlung mit 200 Häusern. Aranya diente bei der Ausbildung von Architekten und Mitarbeiter*innen der Stadtplanungsbehörden, die an preiswertem Wohnraum arbeiteten, als Lehrbeispiel, das zu eigenständigen audio-visuellen Trainingseinheiten weiterentwickelt wurde. Das MCHG-Team hielt sich in Indien, China und Mexiko auf. Es erstellte intensive visuelle Dokumentationen der Lebensmuster und -arten, die für die Herleitung kulturell angemessener Normen aus verschiedenen Lebenserfahrungen unverzichtbar sind[5] (Abbildung C).
Die MCHG schuf verschiedene Nutzgärten und bezog dazu produktive urbane Landwirtschaften in verschiedenen Settings ein. Dieser Bereich wird mittlerweile städtische Landwirtschaft genannt, eine unzutreffende Bezeichnung, denn der Anbau von Lebensmitteln in der Stadt kann die traditionelle Landwirtschaft nicht ersetzen, sondern nur ergänzen. Dachgärten, Nutzpflanzen in Pflanzbehältern auf dem Campus der McGill University und verschiedene produktive Anbauarten in den armen Vierteln von Colombo in Sri Lanka, Kampala in Uganda und Rosario in Argentinien gehören zu den Projekten, an denen die MCHG arbeitete (Abbildung D). Sie zeigen die Bandbreite, Flexibilität und das Potenzial dieser ökologisch orientierten Planung und – noch wichtiger – sie sind der Grund für die große Akzeptanz und Verbreitung dieser Idee überall auf der Welt.
In den 1970er-Jahren begann die MCHG, Hacking zu erforschen, Kniffe oder geschickte Lösungen, bei denen man mit dem zurechtkommt, was zur Hand ist. Die Gruppe richtete sich darauf aus, städtische Umfelder zu transformieren. Dazu gehörte es, leere Dachflächen in Montreal zu Dachgärten zu machen, was in Rooftop wastelands (1976) dokumentiert ist. Diese frühe Initiative belegt die Kraft dieses Vorgehens, um kostengünstige Designlösungen umzusetzen. Die Hack-Anwendungen der MCHG betonen auch nochmals das Potenzial des Recyclings und der Wiederverwertung nicht mehr benutzter Materialien und die Nutzung bereits bestehender Techniken. Das jüngste Projekt der Gruppe, Reconfiguring the North (Neukonfiguration des Nordens), wurde in der nordkanadischen Gemeinde Kuujjuaq durchgeführt und in dem Buch Blueprint for a Hack (2020) beschrieben. Es illustriert die Bedeutung und weite Verbreitung der Do-it-yourself-Upcycling-Kultur und wie man sie nutzen kann (Abbildung E).[6] Diese Bereitschaft, Hacks zu nutzen, versetzte die MCHG in die Lage, nachhaltige, communityorientierte Lösungen mit minimalem Ressourceneinsatz in ihrer gesamten Arbeit zu erschaffen.
Ein integraler Teil dieser Aktivität blieb die Dokumentation der verschiedenen Experimente. Dabei wird verzeichnet, was funktioniert hat und was nicht, und die Ergebnisse werden weitergegeben. Zwischen 1971 und 2020 hat die MCHG über 20 Publikationen herausgebracht, die weite Verbreitung fanden. Eine vermittelnde und visuelle Kommunikation war entscheidend, um den Wissenstransfer über die unterschiedlichen Versuche, Prozesse und Prinzipien zu gewährleisten. Die Publikationen einschließlich der Dokumentationen, Anleitungen und Toolkit-Listen waren für die Verbreitung des Wissens ideal. Diese Art der Kommunikation wurden von den lebendigen Medien der Gegenkultur im Nordamerika der 1970er-Jahre beeinflusst, etwa vom Whole Earth Catalog (1968), der sich auf Selbstversorgung, Ökologie, alternative Energien und andere Themen konzentrierte, die mit den Praktiken eines ganzheitlichen Lebensstils zu tun haben. Handgezeichnete Illustrationen wurden mit Fotos und kurzen Texten zu Collagen verarbeitet, um die Ideen und Konzepte klar und verständlich darzustellen. Diese Bücher und Pamphlete sind noch immer Wissensquellen in kostengünstigen Druck- und Produktionsverfahren, die sich aus der Sorge der MCHG um Budgetfragen ergeben. Ausführliche Handzeichnungen und Collagetechniken haben sich in all diesen Veröffentlichungen als effektive Kommunikationsmethoden erwiesen, von ECOL operation über How the other half builds (1984) bis zu Blueprint for a hack (2020) (Abbildung F).
Seit 50 Jahren strebt die MCHG nach kostengünstigen Lösungen und setzt dabei auf einfache Technologien, die sie nutzt und gemäß den besonderen Situationen überarbeitet. Dieser sich wiederholende Designprozess war leicht beeinflussbar, denn die fünf experimentellen Kategorien waren nicht unantastbar. Ideen und Aktionen blieben wandelbar, was vorteilhaft war, denn so konnten sie sich in einem bestimmten Maß überlappen. Das verlieh der Arbeit der Gruppe Kohärenz.
Einige Aspekte dieser Art von Fragestellung werden sich im aktuellen Kontext weiterentwickeln müssen, bei der Begrünung von Städten zum Beispiel, denn kommunale Satzungen erfordern in vielen Städten, dass große Dachflächen grün sein müssen. Unternehmen wie die Lufa Farm in Montreal haben nun Initiative ergriffen, um urbane Landwirtschaft auf Dächern aufzubauen. Auch Supermärkte ziehen bereits Gemüse auf ihrem eigenen Gelände. Kommerzielle Produkte für Dachbegrünungen sind überall erhältlich. Trotzdem bleiben die Aktivitäten der Communitys so wichtig wie immer, um Stadtgartenprojekte voranzutreiben und zu fördern. Um gute Gärten zu haben, brauchen wir gute Gärtner.
Die andere große Stärke der MCHG war die effektive Verbreitung von Ideen in Druckform (siehe Abbildung F). Wenn Gedrucktes und Digitales zusammenkommen, kann das helfen, solche Ideen bei relativ geringen Kosten in der Breite bekannt zu machen, doch diese neuen Plattformen erfordern besondere Fähigkeiten und Ausbildungen. Man sollte überlegen, ob der intellektuelle Ansatz, der hinter der Arbeit der MCHG steht, heute noch denselben praktischen Wert haben, zum Beispiel beim Umgang mit der aktuellen Wohnungsnot, vor der wir stehen. Die MCHG hat die Nutzer im Blick, wenn sie geschickt selbst kleine Interventionen umsetzt, etwa Verbundsteine, Müllsäcke, solarbetriebene Warmwassergeräte und Gärten in kleinen Pflanzbehältern. Diese Mischung aus spielerischen und ganz pragmatischen Experimenten machen sie bis heute unter allen Gruppen zu etwas Besonderem.
● Vikram Bhatt Ist emeritierter Professor der McGill University in Montreal. Von 1988 bis 2019 leitete er die Minimum Cost Housing Group (MCHG), die sich auf bezahlbares Wohnen, Siedlungs- und Stadtplanung, kostengünstigen Wohnungsbau und urbane Landwirtschaft konzentrierte. Er befasste sich vor allem mit der Frage, wo und wie Menschen mithilfe des kreativen Einsatzes von Design interaktiv leben können. Zuletzt war er Ko-Autor des Buchs Blueprint for a hack. ● Leonie Bunte Ist Doktorandin im Fachbereich Architekturtheorie der RWTH Aachen und Dozentin an der University of Idaho. 2019 forschte sie als UROP-Studierende im Minimum Housing Group Archive der McGill University in Montreal.