Ken Isaacs' Knowledge Box. Ein experimentelles Lernmodell
1962 erschien der amerikanische Designer Ken Isaacs (1927–2016) auf dem Cover einer Spezialausgabe des Magazins Life, das der „Take-over generation“ (der Generation, die nun dran ist) gewidmet war, jungen Führungspersonen, die in Regierung, Wissenschaft, Kunst und Bildung innovative Fortschritte hervorbrachten. In einem weißen Laborkittel und umgeben von Fantasiemünzen sitzt Isaacs in seiner Knowledge Box (Wissenskiste), einer multimedialen Immersionskammer, die er mit seinen Studierenden im Rahmen eines Designkurses entwickelt hatte, den er am Illinois Institute of Technology (IIT) in Chicago unterrichtete. Dort war er 1961/62 als Gastdozent tätig.
Dieser Würfel aus Holz und Masonit und einer Seitenlänge von jeweils 3,6 Metern war zuerst innerhalb der Glaswände von Mies van der Rohes Crown Hall aufgebaut. An seinen Außenwänden waren 24 Diaprojektoren angebracht – auch an Decke und Fußboden –, sodass auf jede Innenwand vier Bildern geworfen wurden. Betraten Studierende die Knowledge Box, wurden sie plötzlich von einer schnellen Folge von Bildern und Klängen – die von drahtlosen Receivern übertragen wurden – überflutet, die sich in kurzen, scheinbar zufälligen Folgen aufbauten und die Betrachter*innen schließlich komplett umgaben. Lineare Narrative wurden vermieden. Diese Dias zeigten Fotos aus dem Magazin Life, Landkarten, statistische Diagramme und Textauszüge sowie Muster aus Farben und Licht. All das war um ein bestimmtes Thema oder Motto herum organisiert, etwa den Einfluss des Bevölkerungswachstums auf die Umwelt. War das rund fünf Minuten lange Programm zu Ende, kamen die Studierenden aus der Kammer und begannen ihre Bildungsreise, indem sie die präsentierten Bildideen miteinander in Verbindung brachten.
Die Knowledge Box gehört zu einer ganzen Reihe von Informationsräumen – die der Designer auch „Alphakammern“ nannte. Sie wurden im Verlauf von Isaacs‘ einflussreicher Karriere entwickelt, in der er nicht nur die konventionellen architektonischen Konzepte des Wohnungsbaus auf den Prüfstand stellte, sondern auch nach alternativen Modellen zur herkömmlichen Bildung suchte. Isaac mied das traditionelle Klassenzimmer, suchte nach einem „umweltbezogenen Bildungskonzept“ und plante Strukturen, die aus Informationen bestanden. „Die Elemente der Alphakammer waren informationell“, sagt Isaacs. „Ihnen fehlte die Irrelevanz physischer Einheiten und sie wurden so vermittelt, dass der oder die Einzelne zum Akteur oder zur Akteurin der Synthese wurde. Die altmodischen Studierenden waren wie Hitchhiker, denn sie kamen nur mit ausgesiebten, bearbeiteten Meinungen der Lehrkräfte, Autor*innen oder Regisseur*innen in Kontakt. Warum die Langeweile, Richtungslosigkeit und Komplexität erleiden, die sich ergeben, wenn man ständig drei oder vier andere zwischen sich und den Daten hatte?“[1]
Alphakammern übersetzten die Kursthemen in Bild-Klang-Datensets und tauchten die Studierenden in schnell fließende Informationsströme ein. Dabei erhielten abstrakte Ideen eine konkretere Gestalt. Das ermöglichte es den Studierenden, unterschiedliche Ideen und historische Ereignisse individuell zu verbinden und „aktive Teilnehmer*innen bei der Erkundung eines Themas zu werden statt ein passives Gefäß für Fakten“.[2] Der Schwerpunkt auf komparativer Analyse hat ihre Grundlagen teilweise in Theorien der kulturellen Relativität, wie sie von der Anthropologin Ruth Benedict populär gemacht wurden, deren Buch Urformen der Kultur (1934; dt. 1955) Isaacs zutiefst beeinflusste. Dass er auf seine Alphakammern Pluralität und Simultaneität anwendete, vermittelte Studierenden nicht nur einen umfassenderen Blick auf die Welt, sondern auch „ein Bewusstsein für die Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt und seine Verantwortung für sie“.[3]
Diese Ideen bildeten den Kern von Isaacs‘ Lehre und Designpraxis und beide gründeten sich auf seine Prinzipien der Matrix oder des „totalen Environments“, eines formalen und konzeptionellen Mittels, das auf einem dreidimensionalen Raster beruhte, der zentralen Baukomponente seiner Arbeit. Isaacs entwickelte seine Matrixidee schon während des Masterstudiums (1952–1954) an der Cranbrook Academy of Art in Bloomfield Hills, Michigan, wo er seine beliebten Living Structures (Wohnstrukturen) entwickelte – universelle Gegenstände, die gegensätzliche Funktionen individueller Möbelstücke in einem einzigen kubischen Rahmen vereinten. Später führte er seine Arbeit an der Matrix als Leiter des Designfachbereichs weiter (1856–1958).[4]
Als Leiter des Designfachbereichs führte Isaacs den Matrix Study Course (Kurs für Matrixstudien) ein, der Kommunikationstheorie mit der Entwicklung der „Verarbeitung von Umgebungen“ verband. Darin sollten Studierende lernen, wie sich mit integrierten Systemen Informationen übertragen und Designaufgaben lösen lassen, ein Curriculum, das bis 1980 bestand. Dieser systembasierte Designbildungsansatz hat seine Wurzeln in der Kybernetik von Norbert Wiener, dessen Buch Mensch und Menschmaschine (1950/54, dt. 1952) zur Pflichtlektüre seiner Studierenden gehörte und Thema einer Reihe von Seminarprojekten war, die auf einer Problemlösungstechnik beruhten, die „Übersetzung“ oder „Übertragung“ hieß. Aus der Überzeugung heraus, dass experimentelle Designbildung auch experimentelle Designtools erforderte, entwickelte Isaacs die Matrix Drum (Matrixtrommel), eine runde Holzkammer von 5,4 Metern Durchmesser, die Vorläuferin der Knowledge Box. Darin wurden die Studierenden auf ähnliche Weise mit Schichten aus Farbbildern beschossen, die von drei Diaprojektoren an der Peripherie der Trommel auf die Wand geworfen wurden, während eine Audiospur den Raum mit Klängen erfüllte.[5] Die Außenwand der Matrix Drum war mit einer nahtlosen Fotokollage oder „Pholage“ aus Schwarz-Weiß-Fotos bedeckt, die auch aus dem Life-Magazin stammten, das Isaacs als führend in der Verbreitung von Fotos in Printmedien in der Nachkriegszeit betrachtete. Der Zweck der Pholage war es, die Betrachter*innen mit visuellen Informationen zu konfrontieren, die keinen „redaktionellen Einschränkungen“ unterlagen und es den Studierenden erlaubten, ihre eigenen Vergleiche anzustellen und Bedeutungen zu schaffen. Laut Isaacs „erweitert solch eine Konfrontation das Bewusstsein. Der oder die Betrachter*in beginnt, die einzigartigen Beziehungen zwischen vermeintlich isolierten Ereignissen zu erkennen.“[6]
Aufgrund des fortgesetzten Interesses an Wieners Vorstellungen über die Beziehungen zwischen Menschen, Systemen und Maschinen wandte Isaacs ein vernetztes Informationsmodell auf seine folgenden Alphakammern an, darunter Torus 1, die er 1961 mit seinen Studierenden entwickelte, während er ein Semester lang an der Rhode Island School of Design unterrichtete. Die runde Holzkammer mit Dias und Audio wurde als maßstabsgerechtes Querschnittslehrmodell realisiert und bot mehr Bewegungsfreiheit und „die Möglichkeit, den Zyklus und die Zeitphasen zu bestimmen“.[7] Im selben Jahr wurde Isaacs eingeladen, am IIT zu unterrichten, wo er Torus 2 baute, die ähnlich aufgebaut war, aber aus einer durchlässigen Plastikhaut mit einem zerlegbaren Aluminiumrahmen bestand, an dem die Projektoren befestigt werden konnten. Sie war als tragbares Modell der Alphakammer gedacht.
Isaacs‘ grundlegendes Projekt am IIT war die Knowledge Box, bei der Studierende in alle Aspekte des Baus einbezogen waren, darunter auch den Inhalt der Dias und deren Produktion. Eines der ersten Programme, das ganz zwanglos „Menschen in Gärung“ genannt wurde, verband brasilianische Bauern, Haufen von Münzen, mathematische Gleichungen und Landkarten, um die Verteilung des Wohlstands in der Welt zu erforschen. Den Namen Knowledge Box gab ihr 1962 der Journalist Clay Gowran in einem Artikel für die Chicago Daily Tribune. Isaacs‘ neues Bildungsenvironment fand in der Mainstreampresse viel Beachtung und wurde von manchen Journalisten mit Reizentzugskammern und militärischen Gehirnwäschezellen verglichen, mit deren psychisch-physischen Effekten Isaacs vertraut war: „Unser Ziel war es, eine vollkommen neue, vollkommen fremdartige, manchmal sogar feindselige Umgebung zu erschaffen“, erklärte Isaacs. „Hier werden Studierende ganz allein in eine Umgebung gebracht, in der sie sich außerhalb des normalen Erfahrungsspektrums befinden und sich in einer intensiven und aufregenden Atmosphäre in schneller Folge präsentierten Informationen aussetzen. Dabei kann es zu einer vollständigen Immersion kommen.“[8] Isaacs‘ Multimediakammer nahm auch die kulturelle Vorstellungskraft gefangen und beeinflusste den Film Movie-Drome (1964/65) des experimentellen Regisseurs Stan VanDerBeek und Mainstreamfilme wie Ipcress – Streng geheim von Sidney J. Furie (1965), einen britischen Spionagethriller, der eine auf der Knowledge Box beruhende Gehirnwäscheszene enthält.
Trotz der Popularität der Knowledge Box lenkte Isaacs seine Aufmerksamkeit auf andere Projekte als die Alphakammern und verfolgte die Idee seiner Mikrohäuser, nachdem er 1963 ein Fellowship der in Chicago beheimateten Graham Foundation for Advanced Studies in the Fine Arts erhielt, um das Design und die Produktion dieser kleinen, nomadischen Behausungen auf den neuesten Stand zu bringen. Dennoch blieb Isaacs die Erforschung neuer Lernkonzepte als Autor und als Lehrer ein Anliegen. 1970 kehrte er in den Universitätsbetrieb zurück, um an der Architekturfakultät der University of Illinois in Chicago zu lehren. Er unterrichtete Entwerfen und diente als Direktor des Masterstudienprogramms, bis er 2000 in den Ruhestand ging. Von 1968 bis 1972 war er beratender Herausgeber von Popular Science, einem Wissenschafts- und Technikmagazin mit Do-it-yourself-Projekten für ein breiteres Publikum. Darin veröffentlichte er leicht umsetzbare Anleitungen für seine Matrix-Entwürfe, darunter auch eine abgespeckte Version der Knowledge Box, den Mediator, der als persönliche Meditationsbox benutzt werden konnte. Sein heute ikonisches Buch How to build your own living structures (1974) bot der Öffentlichkeit in ähnlicher Weise Tools an, mit denen seine Entwürfe angepasst und gebaut konnten und ein umweltbewusstes Leben möglich wurde. Wie Stewart Brands Whole Earth Catalog (1968–1972 und gelegentliche weitere Ausgaben bis 1998) sowie andere „Metahandbücher“, die von der Bewegung der Gegenkultur jener Zeit veröffentlicht wurden, war Isaacs Führer für Unabhängigkeit und Learning by Doing auch „den schwierigen konventionellen Methoden gewidmet, mit denen Informationen gesammelt und verbreitet werden, um das Publikum von den Zwängen der konventionellen Bildung zu befreien“.[9]
Isaacs kehrte 2009 aus Anlass der Gruppenausstellung Learning modern an der School of the Art Institute in Chicago (SAIC) noch einmal zu seiner Knowledge Box zurück. Die Ausstellung untersuchte den Einfluss und das Erbe des Neuen Bauhauses, des heutigen ITT. Das Original der Knowledge Box von 1962 gab es nicht mehr, daher war ich enger Zusammenarbeit mit Isaacs für ihre komplette Wiederherstellung verantwortlich. Sie fiel etwas kleiner aus, damit sie in die Galerie des SAIC passte. Wie es bei der Knowledge Box sein muss, tauchten die Besucher in Diaprojektionen ein, die dieses Mal aus alten Schwarz-Weiß-Fotos aus den Archiven des Magazins Life bestanden. Die 2 Minuten und 32 Sekunden lange Diashow umspannt die Dekade der 1950er-Jahre – von Landwirtschaftsszenen aus der Nachkriegszeit über Bilder mit den wissenschaftlichen und technischen Fortschritten bis zu Porträts von bekannten Künstlern, Denkern und Menschen aus der Politik, die gemeinsam für die Entstehung der globalen Moderne standen, passend zum Thema der Ausstellung. Eine wiederhergestellte Audiospur bietet eine kurze Hörmontage der Dekade. Sie kann durch kabellose Kopfhörer gehört werden, die nach einem DIY-Modell gebaut wurden, das 1957 in einem Artikel in Popular Science vorgestellt wurde.
Die Knowledge Box von 2009 wurde später in der Wanderausstellung Hippie modernism. The struggle for utopia (2015), gezeigt, die das Walker Art Center organisiert hatte und die die Schnittpunkte von Kunst, Architektur und Design mit den globalen gegenkulturellen Bewegungen der 1960er- und 70er-Jahre betrachtete. Es war eines von mehreren Multimedia-Environments, die die utopischen Experimente der damals jungen Generation von Künstlern und Designern repräsentierten, die – auch geprägt von der Kybernetik – vernetzte Communitys und alternative Modelle des Informationsaustauschs schufen. Während sie alle projizierte Bilder, Licht und Klänge auf ähnliche Weise nutzten, um veränderte Bewusstseinszustände herbeizuführen, bleibt die Knowledge Box einzigartig mit ihrer vorrangigen Nutzung als Bildungsinstrument.
Die Version von Isaacs’ Alphakammer aus dem Jahr 2009 steht für eine besondere historische Ära, dennoch bleibt die Erfahrung mit ihr überraschend modern, wenn man den heutigen allgegenwärtigen Datenstrom bedenkt. Dennoch fing die ursprüngliche Knowledge Box einen bestimmten kulturellen Augenblick ein und definierte ihn vielleicht sogar, während sie zugleich Isaacs‘ Ziel Ausdruck verlieh, Bildung auf der Grundlage von Erfahrungen zu gestalten. „Wenn ein ausreichend breites Spektrum an Informationen die Studierenden einhüllen kann, werden sie von diesem Wissen stärker diszipliniert als von einer externen Kraft“, hat Isaacs einmal festgestellt. „Das war immer das Ziel und das Ergebnis guter Bildung.“[10]
lebt in Chicago und ist eine Kritikerin und Herausgeberin, die über zeitgenössische Kunst und die bebaute Umwelt schreibt. Sie ist die Autorin von Inside the matrix. The radical designs of Ken Isaacs (2019). Ihre Artikel sind in Artforum, Art in America und Textile. Cloth and Culture erschienen. Sie ist die Mitherausgeberin von ARTMargins Online, das sich mit der Kunst in Mittel- und Osteuropa befasst. 2018 erhielt die das Stipendium Creative Capital/Andy Warhol Foundation Arts Writers Grant für ihren Blog In/Site. Reflections on the Art of Place.