Issue number: 4
15 December 2024
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Ezgi İşbilen

Die Middle East Technical University (METU, Technische Universität des Nahen Ostens), wurde 1956 als Hochschule für Architektur und Gemeindeplanung unter dem Namen Middle East High Institute of Technology gegründet. Sie ist zu einer vollständigen technischen Universität herangewachsen und nun eine der herausragenden Forschungsinstitutionen der Türkei.

Der METU-Campus, Blick auf die Allee. Archiv Altuğ-Behruz Çinici.

Betritt man die Universität zum ersten Mal durch den Haupteingang, ist es, als passiere man ein magisches Portal. Jenseits dieser Schwelle befindet sich eine andere Geografie, eine bewaldete Umgebung und ein kühleres Klima. Der Unterschied zur Stadt, die man gerade verlassen hat, lässt sich sehen, riechen und hören. Was einst ein isolierter Campus war, liegt nun zentral innerhalb der Stadtgrenzen und ist mit der Metro erreichbar. Der METU-Campus ist praktisch eine Stadt in der Stadt, wenn auch eine ganz andere als die, die sie umgibt.

Die Tribüne des Stadiums, der das Wort DEVRİM (Revolution) chemisch eingeschrieben wurde. ©Ezgi İşbilen.

Trotz des Kontrastes zwischen der Stadt und dem Campus wird die Hochschule wegen des Maßstabs der erreichten ökologischen Transformation und der immensen politischen und ökonomischen Ressourcen, die dafür notwendig waren, gelegentlich mit der Geschichte Ankaras am Schnittpunkt von Nationenbildung und Städtebau verglichen.[1] In der öffentlichen Vorstellung wird sie mit abweichenden politischen Meinungen in Gestalt der antiimperialistischen Studierendenproteste der 1970er-Jahre in Verbindung gebracht, die tatsächlich in ihr Stadion eingeschrieben sind, in dem „Devrim“ (Revolution) zu lesen ist. Obwohl kritisches Denken, organisierter Aktivismus und zivilgesellschaftliche Verantwortung Teil der METU-Kultur sind – und es sind anderswo kaum Beispiele für eine physische und ideologische Transformation wie in Ankara zu finden –, müssen die Dynamiken, die die METU haben wachsen und erblühen lassen, eher als Ergebnis der Konstellation von Menschen, Ereignissen, Politik und Wahrnehmungen verstanden werden denn als Resultat linearer Entwicklungsverläufen oder einzelner, sensationeller Geschehnisse. Die Gründung der Schule und ihres Campus waren Teil der konkreten Schritte zur Positionierung und Integration des Landes in der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg.

METU-Abschlussfeier, um 1963. Archiv der METU-Architekturfakultät.
METU – Knotenpunkt im Hotspot-Netzwerk des Kalten Kriegs

Der Unterschied zwischen dieser Institution und anderen Universitäten, die in derselben Zeit und seither gegründet wurden, ist so deutlich wie der zwischen der Stadt und dem Campus. Die METU ist ein Produkt der Neuorganisation der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Türkei war einer der Grenzstaaten zur UdSSR und ihre Bildung und Kultur waren folglich strategischen Programmen unterworfen, die dem Einfluss der Sowjetunion im Kalten Krieg entgegenwirken sollten. Am 5. September 1951 wurde eine rechtliche Vereinbarung zwischen den Vereinten Nationen und der Regierung der jungen türkischen Republik unterzeichnet, die Charles Abrams autorisierte, Forschungen zu Wohnungsbau und Stadtplanung in der Türkei durchzuführen.[2] Abrams hatte Verbindungen zum neu gegründeten Fachbereich Stadtplanung an der University of Pennsylvania (UPenn), lehrte am Massachusetts Institute of Technology (MIT), und arbeitete als Berater für die Vereinten Nationen. Die Idee, eine Hochschule für Architektur und Stadtplanung in Ankara zu gründen, wurde erstmals in einem Bericht erwähnt, den Abrams für die United Nations Technical Assistance Administration schrieb.[3]

In dem Bericht, den er am Ende seiner einjährigen Forschung in der Türkei verfasste, erklärte Abrams, dass die Lösung für die sich anbahnenden Probleme mit Stadtplanung und Wohnungsnot in der Türkei nicht bei internationalen „Expert*innen“ zu suchen sei, sondern bei „Inpert*innen“, die Vorschläge entwickeln sollten, die in diesen Kontext passten. Dieser Mechanismus ist heute aus verschiedenen internationalen Kooperationen bekannt, war damals aber eine Neuheit. Die Gründung der Hochschule war Teil der Verschiebung weg von Entwicklungsstrategien hin zur Bildung internationaler Knotenpunkte und Netzwerke. Trotz der scheinbaren Dichotomie zwischen „Expert*innen“ und „Inpert*innen“ in ihrer ersten Beschreibung schuf die Hochschule doch eine neue Art von Expert*innen. In seinem Buch über die METU und ihren Platz in der Nachkriegspolitik nennt Burak Erdim diese neue Expert*innengruppe „landed internationals“ und argumentiert, dass der weitere Mechanismus, der sie hervorgebracht hat, „sowohl ,Expert*innen‘ als auch ,Inpert*innen‘ Legitimität verschaffte, indem er ihr Zuhause, die Akademie, als den Ort der neuen politischen und industriellen Ordnung im Nahen Osten positionierte“.[4]

Gruppenbild der Studierenden des Middle East High Institute of Technology vor der Hochschule, um 1956. Archiv der METU-Architekturfakultät.
Die Akademie

Die Universität wurde im November 1956 offiziell als Hochschule für Architektur und Gemeindeplanung in Dienstgebäuden des Parlaments und im früheren Gebäude der Türkischen Rentenversicherung eröffnet. Sie stand unter der Verwaltung von UN-geförderten Lehrkräften.[5] Damals war sie als Middle East High Institute of Technology bekannt. Abrams engagierte G. Holmes Perkins, Dekan der Akademie der schönen Künste an der UPenn, der ein Curriculum für eine Architekturhochschule als erste Fakultät an der neuen Universität entwickelte.[6] Doch er entwarf nicht nur das Curriculum, organisierte die ersten Dozent*innen und schulte später durch Gaststellen türkische Akademiker*innen, die den Unterricht an der wachsenden Universität übernehmen sollten. Er spielte auch eine entscheidende Rolle durch seinen direkten Zugang zu Harold Stassen, den früheren Präsidenten der UPenn und Leiter der Foreign Operations Administration (FOA).[7] Stassen, ein erfahrener akademischer Verwaltungsexperte, der zum Bürokraten geworden war, hatte eine Satzung geschaffen, die den Weg für die Gründung der Universität rechtlich und finanziell frei machte.[8] Gemeinsam mit dem Gründungspräsidenten W. R. Woolrich, einem früheren Dekan der Texas University, konnte Stassen eine Institution aufbauen, die nach dem Beispiel der State Universities, der bundesstaatlichen Universitäten in den USA, gestaltet war. Die Satzung stellte öffentliche Mittel vom Finanzministerium für eine Institution sicher, die von einem unabhängigen Verwaltungsrat geleitet wurde. Eine Institutionsform wie diese, die finanziell vom Staat abhängig, aber in der Verwaltung unabhängig ist, war dem türkischen Staat in der Mitte des 20. Jahrhunderts nur schwer zu verkaufen. Laut Uğur Ersoy, einem emeritierten Mitglied der Fakultät, der 1959 an die Universität gekommen war, erschien es in dem Jahr, als der Erlass das Parlament passierte, als eine unmögliche Aufgabe, solch einen Vorschlag von Parlament und Finanzministerium genehmigen zu lassen.[9] Die METU begann als eine Ausnahme und das blieb sie auch in den folgenden Jahren.[10]

Diagramm des Campus, erstellt von Çinici Architects. Salt Research, Altuğ-Behruz Çinici Archive.
Der Campus

Die Idee, dass die Schule zu einer technischen Universität werden und auf einen Campus ziehen sollte, war schon im ursprünglichen Institut festgelegt. Die von der UNO unterstützen Dozenten hatten schon einige Jahre an konkurrierenden Vorstellungen für den Masterplan gearbeitet, als der Bau 1959 ökonomisch machbar wurde. Ihr Vorschlag, für den ein Hügel am Stadtrand ausgewählt wurde, sah die Anordnung der Fachbereiche um einen großen Hof vor. Der Plan war vom Vorbild des römischen Forums und des Campusplans inspiriert, den Thomas Jefferson für die Universität von Virginia entworfen hatte. Nachdem ein Versuch, diesen Plan mittels eines Designwettbewerbs mit einem türkischen Architekten durchzuführen, aufgrund von disziplinären Konflikten mit den Behörden gescheitert war, wurde der vorgesehene Bauplatz durch das jetzige Campusgelände ersetzt. Eine neue Ausschreibungsrunde folgte. Der Campus, wie er heute ist, ist das Ergebnis des Wettbewerbs, den das Architektenpaar Behruz und Altuğ Çinici, die beide an der Technischen Universität in Istanbul studiert hatten, 1960 gewannen.

Der METU-Campus-Masterplan von Çinici Architects. Salt Research, Altuğ-Behruz Çinici Archive.

Die Wettbewerbsausschreibung blieb unverändert, das Gelände unterschied sich aber deutlich vom ersten. Die Allee ist eine Erfindung, die die Forderung nach einem zentralen offenen Raum zur Kultivierung disziplinenübergreifender Verbindungen erfüllte, die ursprünglich das Forum gewährleisten sollte. Sie ist das Resultat der Suche der Architekten nach einer Lösung, die die Topografie auf dem langgestreckten Gelände mit zwei Bergrücken, die dort aufeinandertrafen, aufgriff und verbesserte.

Der Entwurf, der den Wettbewerb gewann, verlegte das akademische Zentrum mit seinen Komponenten an die Allee auf dem Bergrücken, der in nordsüdlicher Richtung verläuft. Eine zweite Achse organisierte das nichtakademische Zentrum, Unterkünfte für Lehrkräfte und Studierende sowie Freizeiteinrichtungen. Am Schnittpunkt dieser beiden Achsen lag das Stadion, ein großzügiger Freilufttreffpunkt, der bei den symbolischen Zeremonien des akademischen Lebens die gesamte Universitätsgemeinschaft zusammenbringt.

Architekturfakultät in den 1960er-Jahren. Archiv der METU-Architekturfakultät.
Die Architekturhochschule als Baulabor

Entwurf und Bau des Campus waren unterschiedliche Aufgaben. Für den riesigen Auftrag, den Campus zu bauen und zugleich das Aufforstungsprojekt wie vorgegeben durchzuführen, wurde die Hochschule für Architektur und Gemeindeplanung wieder einmal zum Ausgangspunkt. Die erste METU-Fakultät, die errichtet wurde, war die für Architektur und sie diente als Experimentierbaustelle, auf der innovative Anwendungen umgesetzt wurden, um internationalen Standards gerecht zu werden. Sie diente effektiv als „Labor für die neuen Materialien, mechanische Ausrüstung und Bautechniken in der Türkei“.[11] Kassettenplattensysteme, Sichtbetonanwendungen, die Produktion von Gebläseheizkörpern und der Einsatz von Plexiglas beim Bau gehörten zu den vielen Neuerungen für das Land, die hier umgesetzt wurden. Die finanziellen und ökonomischen Ressourcen, die erforderlich waren, um diese Techniken zu entwickeln und zu standardisieren, wurden durch den Bau der Universität bereitgestellt. Die konkreten Schritte in Richtung einer Integration des Landes in das internationale Netzwerk der Bildungspraktiken, Finanzen und industrieller Produktion wurden hier unternommen.

Einer der Blumentöpfe im Gebäude, ein Beleg für die Versuche mit verschiedenen Betonmischungen und Form-/Gussformenanwendungen. ©Ezgi İşbilen.
Originalheizung, die noch immer in Gebrauch ist. ©Ezgi İşbilen.
Plexiglasoberlichter. Salt Research, Archiv Altuğ-Behruz Çinici.
Ezgi İşbilen

ist Architektin und Dozentin. Sie ist Assistant Professor für Architektur an der Bilkent-Universität, unterrichtet Designgeschichte und leitet Theoriekurse und Designstudios. Ihre Ausbildung als Architektin absolvierte sie am Technologieinstitut in İzmir und erwarb ihren M. Arch. an der Middle East Technical University, der Technischen Universität des Nahen Ostens in Ankara. Sie war als Research Fellow beim Bauhaus Lab 2018 dabei, einem Postgraduate-Programm über globale Modernen. 2023 promovierte sie an der Virginia Tech. Ihre Forschungen und ihre Lehre basieren auf Bautheorien und der Rolle der Produktionsmittel und -methoden im Design Thinking. Sie hat ihre Arbeit in Büchern (bei Spector Books in Deutschland und Routledge in Großbritannien) und Artikeln (Journal of Architectural Education, Footprint, Western Humanities Review) veröffentlicht und sie ausführlich bei nationalen und internationalen Konferenzen vorgestellt.