Issue number: 4
15 December 2024
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Gui Bonsiepe

Gui Bonsiepe war in seiner sieben Jahrzehnte und mehrere Kontinente umspannenden Karriere an der Spitze mehrerer bahnbrechender techno-politischer Dispositive, die als Reaktion auf gesellschaftliche Umwälzungen entstanden. In einem Interview mit Katja Klaus und Philipp Sack, das im Frühjahr 2024 per E-Mail geführt wurde, zieht er Bilanz über seine Zeit an der Informationsabteilung der Ulmer Hochschule für Gestaltung und seine Rolle im Cybersyn-Projekt und setzt diese Erfahrungen in Bezug zu Fragen der Designpädagogik.

Katja Klaus ● Philipp Sack

Als verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift ulm schreiben Sie in deren letzter Ausgabe, die HfG hätte „eines freieren Klimas bedurft und nicht um die Gunst der Volksvertreter zittern müssen (…) denen die Neuerungswünsche und Experimente der HfG von jeher nicht geheuer vorgekommen sind.“[1] Was war experimentell an der Lehre der HfG?

Gui Bonsiepe (GB)

Experimentell an der Lehre der HfG war der Ansatz, eine Brücke zwischen Gestaltung und wissenschaftlichen Disziplinen zu schaffen. Weiterhin: Gestaltung nicht als untergeordnete oder beigeordnete Disziplin zu betrachten, sondern als eigenständigen Bereich. Was regressiven Politikern nicht behagte, war die durchaus gerechtfertigte Ahnung, dass eine neue Designausbildung unvermeidlich an die Frage nach der dahinterstehenden gesellschaftlichen Ordnung rührt. Derlei Ansinnen verstieß gegen die „guten Sitten“.

KK ● PS

Zum Vermächtnis der Hochschule heißt es am Schluss desselben Texts: „Die HfG ist nicht zu messen an dem, was sie erreichte, sondern an dem, was zu erreichen ihr verwehrt blieb.“[2] Was blieb ihr verwehrt?

GB

Die HfG schaffte es nicht, ein den Rahmen des Etablierten sprengendes Konzept einer radikal neuen Ausbildungs- und Forschungsinstitution der technisch-wissenschaftlichen Zivilisation konkret umzusetzen. Dem mächtigen kulturellen Establishment musste ein derartiges Unternehmen als überzogen und irritierend erscheinen. Die Elastizität der zusammentreffenden Kulturen war überfordert. Ich frage mich: Ist man heute weitergekommen? Besteht diese Verhärtung des Eigenständigen mit der Folge disziplinärer Kleinstaaterei nicht nach wie vor?

KK ● PS

Die Zeitschrift ulm war ein Organ, das unmittelbar mit einem Alleinstellungsmerkmal der Hochschule verbunden war: der Abteilung Information. Neben Abteilungen, auf die sich der Begriff der Gestaltung auch im konventionellen Sinne anwenden ließe (Baulehre, visuelle Kommunikation, Produktgestaltung), nimmt sich die vorrangig auf die Arbeit mit Sprache fokussierte Abteilung Information als Ausnahmeerscheinung aus, sowohl innerhalb der HfG als auch in der Hochschullandschaft der Zeit. Können Sie deren Ausrichtung im Gefüge der anderen Abteilungen für uns einordnen? Wie erklären Sie sich die relative Kurzlebigkeit der Abteilung?

GB

Die Abteilung Information war eine Außenseiterin in der Designausbildung. Sie hatte zwar eine enge Beziehung zur visuellen Kommunikation, aber weniger zur Produktgestaltung und zur Abteilung Industrialisiertes Bauen. Sie barg die Möglichkeit, eine theoretische Basis für Gestaltung zu entwickeln und das theoretische Defizit der Gestaltungstätigkeit zu beheben. Die Informationsabteilung verfolgte das Ziel, Studierende auszubilden, die über Gestaltung schreiben können – und zwar auf der Grundlage von Sachkenntnis und Vertrautheit mit der Thematik „Entwurf/Entwerfen“ – eine nur ansatzweise erforschte Kategorie. Mit dem Ausscheiden von Max Bense und später Gert Kalow als Leiter der Abteilung Information war sie verwaist. Sie wurde dann formell in die Abteilung Film integriert, die ihre eigene Zielsetzung hatte, primär, um den verbliebenen Studierenden der Abteilung Information eine juristisch zugesicherte Beendigung ihres Studiums an der HfG Ulm zu ermöglichen.

KK ● PS

In der Geschichtsschreibung wird der HfG oftmals eine rein technisch-wissenschaftliche Auffassung von Architektur und Design/Gestaltung zugeschrieben. Trifft dies Ihrer Meinung nach zu? Können Sie uns erläutern, in welchem Zusammenhang die Abteilung Information mit dieser Ausrichtung steht?

GB

Die Frage scheint auf ein vermeintliches Defizit zu zielen: die humanistische Komponente. Doch ist es genau diese aus der herkömmlichen Kulturauffassung stammende Gliederung, die seitens der HfG in Zweifel gezogen und als überholt betrachtet wurde. Es ist gerade die Mischung von technisch-wissenschaftlicher Ausbildung und Gestaltung, die den inhärenten Humanismus des HfG-Konzepts ausmacht.

Projekt Cybersyn – Opsroom, Institute for Technological Research (INTEC): Sitzungsraum für kybernetische Wirtschaftsplanung (Drehsessel mit eingebauter Tastatur zum Abrufen von Dias, verschiedene Bildschirme). Foto © Gui Bonsiepe 1973
KK ● PS

Wie verhielt es sich mit der Konjunktur kybernetischer Ansätze in der gestalterischen Praxis und Lehre in Ulm? Inwieweit wirkt die Auseinandersetzung in Ihrer weiteren beruflichen Tätigkeit fort?

GB

In den 1950-Jahren hatten kybernetische Ansätze keine Konjunktur. Die HfG war eine der wenigen Hochschulinstitutionen, in denen die Kybernetik überhaupt registriert und rezipiert wurde. Dank dieser Ausnahme wurde ich 1971 in Chile damit beauftragt, eine Entwurfsgruppe am Technologischen Institut aufzubauen.

1970 hatte ich den späteren einflussreichen Minister Fernando Flores in der Regierung von Salvador Allende kennengelernt. Bei einem Besuch entdeckte er in meiner Bibliothek das Buch von Stafford Beer, Decision and Control. Als wir später Freunde wurden, gestand er mir, dass er zunächst keine hohe Meinung von Architekten und Designern hegte: Sie seien Wirrköpfe. Doch als er das Buch von Beer sah, korrigierte er sein Urteil: „Es gab seinerzeit nur zwei Personen in Chile, die dieses Buch kannten.“ Ohne diesen Zufall hätte ich die Arbeit an dem legendären Opsroom[3] nicht leisten können.

KK ● PS

Sie sind nach dem Ende der HfG nach Südamerika gegangen. Haben Sie dort vergleichbare Schulexperimente wahrgenommen, mitgestaltet?

GB

Ich habe primär an der Formulierung von Programmen für industrielle Entwicklung mitgewirkt, wenngleich ich in Chile und Brasilien auch mit der Ausbildung von Entwerfern und der Beratung von Firmen beauftragt wurde. Generell war die HfG an den Hochschulen bekannt und das Interesse groß, gleichsam aus erster Hand Einzelheiten über die dortige Ausbildung zu erfahren. In Chile wurde ich beauftragt, den Studierenden der Fakultät für Maschinenbau an der Katholischen Universität in Santiago konkrete Entwurfskompetenz zu vermitteln. Sie beherrschten zwar mathematische Verfahren der Berechnung von technischen Details, doch versagten sie und waren hilflos, wenn es um Entwicklung von alternativen Entwurfskonzepten ging.

Messlöffel für Milchpulver, Institute for Technological Research (INTEC), 1971. Der Messlöffel wurde im Rahmen des Nahrungsmittelprogramms für Kinder entwickelt. Das Milchpulver wurde gratis verteilt, um einen Proteinmangel bei Kindern zu verhindern. Foto © Gui Bonsiepe 1973
Foto des Prototyps einer Häckselmaschine, Institute for Technological Research (INTEC), 1973 Foto © Gui Bonsiepe
Kompressor, der am brasilianischen Labor für Produktentwicklung (LBDI) in Florianópolis für die Firma EMBRACO in Joinville, Brasilien, entwickelt wurde, 1984 Foto © Gui Bonsiepe
KK ● PS

Ist der Ulmer Ansatz noch aktuell? Wie steht es um das emanzipatorische Potenzial heutiger Designausbildung angesichts der politischen, ökologischen und technologischen Herausforderungen der Gegenwart?

GB

Ich bin nicht hinreichend mit dem derzeitigen Stand der Designausbildung in Deutschland vertraut, um diese Frage beantworten zu können, also es nicht bei schlichten Meinungsbekundungen zu belassen. Was die Peripherie betrifft, hat der Ulmer Ansatz nichts an Aktualität eingebüßt, vor allem als Gegengewicht zur zunehmend marketingorientierten Designausbildung sowie eines Revivals des künstlerisch inspirierten Designverständnisses, das vor allem in den medialen Verlautbarungen über Design als gleichsam modisches Event mit den dazu gehörigen Zeremonien floriert. Ob das Studium der Kunstgeschichte der geeignete Weg ist, um sich einen Zugang zur Thematik des Designs zu schaffen, ist weiterhin mit einem großen Fragezeichen zu versehen.

Mit der Einführung von Programmen mit Master- und Doktorandenabschluss im Bereich Design ist zwar die theoretische Produktion stark gewachsen, doch gleichzeitig die Gefahr der Akademisierung und des Auseinanderdriftens von theoretischer und praktischer Kompetenz gegeben. Die „Ulmer“ dürften sich schwerlich dazu bereitgefunden haben, der Selbstverliebtheit des creative thinking zu frönen.

Die Umweltthematik einschließlich der Klimakrise ist seit der Schließung der HfG in atemraubender Geschwindigkeit gewachsen. Doch war der Ulmer Ansatz weit genug gefasst, um den Lehrplan an diese Thematik anzupassen.

Gui Bonsiepe, 2022. Foto © Konrad Waldmann
Gui Bonsiepe

Designer, Autor (geb. 1934). Studium an der Hochschule für Gestaltung in Ulm (Abteilung Information) (1955-1959). Lehr- und Forschungstätigkeit an der HfG bis 1968. Seit 1968 gestalterische und beratende Tätigkeit auf dem Gebiet der Entwicklungs- und Industrialisierungspolitik in Lateinamerika (Chile, Argentinien, Brasilien). 1970-1993: Leiter der Designgruppe am Institut für Technologische Forschung in Santiago (Chile), wo das emblematische Projekt Cybersyn entwickelt wurde. 1973-1980: Direktor der Designagentur MM/B in Buenos Aires. 1981-1987: Arbeit im Nationalen Komitee für wissenschaftliche und technologische Entwicklung in Brasilien. 1987-1989: Softwaredesign in einem Softwarehaus in Kalifornien, spezialisiert auf Schnittstellendesign. 1993-2003 Professor für interaktive Medien an der KISD Köln. Kurse und Seminare an Universitäten in Europa, Lateinamerika, Nordamerika und Asien. Lebt in Brasilien und Argentinien.