Vorwort: Jenseits des Lehrapparats – Technologien, Institutionen, Designpädagogiken
Emilio Ambasz, 1969 zum Kurator für Design am Museum of Modern Art (MoMA) in New York berufen, begann unmittelbar nach Aufnahme seiner Tätigkeit mit der Planung eines internationalen Symposiums, welches sich mit soziopolitischen, ökologischen, vor allem aber technologischen Herausforderungen an Architektur und Design in einer postindustriellen Gesellschaft befassen sollte. Das Universitas-Projekt, finanziert vom MoMA und dem Institute for Architecture and Urban Design (IAUS), wollte nicht nur den Status und die Rolle von Design in der Gegenwart der 1970er-Jahre radikal befragen. Vielmehr nahm der Kurator die eigene Institution, das Museum of Modern Art, zum Ausgangspunkt einer kritischen Revision: „Institutions for a post-technological society“ (Institutionen für eine posttechnologische Gesellschaft), so heißt es im Titel, verknüpfte die Auseinandersetzung mit der bisherigen Rolle eines Museums, das das Sammeln von Designobjekten mit ästhetischer Bildung verband, mit der gesellschaftlichen Neuperspektivierung von Gestaltung. „Die einst alles durchdringende Haltung formaler Sicherheit macht allmählich Platz für eine Haltung luzider Perplexität.“[1] Das intellektuelle Kapital des MoMA, dessen Gründung so unmittelbar mit einer spezifischen Idee modernen Designs, dem industriellen Paradigma und dessen Objektzentriertheit verbunden war, habe sich angesichts der Herausforderungen des Informationszeitalters erschöpft.[2]
Universitas sollte einer Research-Education-Institution den Weg bahnen, die mit ihrem Ganzheitsanspruch auf die Komplexität der nun vollständig menschengemachten Umwelt reagierte. Ziel war die Gründung einer experimentellen Universität zu Fragen des environmental design, der Umweltgestaltung. Ambasz‘ ambitioniertes Projekt brachte Wissenschaftler, Theoretiker, Architekten, Designer und Philosophen zusammen, die in einer ersten Phase aufgefordert waren, Beiträge für Diskussionspapiere zu liefern. Deren theoretische Positionen spiegeln die Diskursbewegungen der Zeit wider. Systemdenker*innen und Kybernetiker*innen, denen Ambasz schon aufgrund seines Aufenthaltes an der HfG Ulm nahestand, aber auch Soziolog*innen und Philosoph*innen wie Michel Foucault, Manuel Castells, Hannah Arendt, Umberto Ecco und andere wurden angesprochen. Auch Gyorgy Kepes, Schlüsselfigur des New Bauhaus Chicago und Gründer des Center for Advanced Visual Studies am Massachusetts Institute of Technology (MIT), gehörte dazu.
Auch wenn die Beitragenden die Gegenwartsdiagnose einer unübersichtlichen Komplexität von Problemlagen angesichts der Gefährdungen des Planeten und der technologischen Durchdringung aller gesellschaftlichen Sphären teilten, so gingen die Vorstellungen darüber, wie Design und Architektur in diese Gemengelage intervenieren könnten, auseinander. Dass vor allem Wissenschaft und Technologie als verantwortlich für die Dynamiken der rasanten Veränderung der Umwelt identifiziert wurden, muss auch im Kontext der amerikanischen Neuausrichtung entlang wissens- und technologiebasierter Ökonomie gelesen werden. Viele der Forschungs- und Bildungsstätten, aus denen die Beitragenden kamen, sind ohne den mit dem New Deal eingeleiteten Boom einer Wissensindustrie und der staatlichen Unterstützungen für Forschungseinrichtungen nicht zu denken. Die sogenannten human resources spielten nicht nur in den unmittelbaren Kriegsjahren eine zentrale Rolle, vor allem wissenschaftliche und technologische Exzellenz wurde mit dem sowjetischen Sputnik-Launch 1957 zum vorrangigen Anliegen amerikanischer Politik im Kalten Krieg.
In diesen Kontext sind auch Diskurse zur Entfaltung der creative minds und der Förderung ästhetischer und visueller Bildung zu verorten. In Kongressen, unter anderem am MoMA 1949, und in Gründungen von Zentren für Visual Studies wie dem Carpenter Center in der Harvard University oder dem Center for Advanced Visual Studies am MIT bildete sich dies ab. Handelte es sich dabei um die Instrumentalisierung ästhetischen und visuellen Wissens oder ging es vielmehr darum, experimentelle Umgebungen für interdisziplinäre Kooperationen zwischen Wissenschaft und Kunst, Technologie und Gestaltung zu schaffen? Die Kunsthistorikerin Anna Vallye stellt in ihren Forschungen zu den pädagogischen Weichenstellungen in Harvard und am MIT heraus, wie ästhetische Bildung und künstlerische Kreativität zur Entwicklung der Wissensökonomie in Stellung gebracht wurden. „Im Diskurs über Kreativität, der hier nachvollzogen wird, wurde die bildende Kunst gerade nicht durch ihre Distanz von nützlichen Anwendungen definiert, sondern vielmehr durch die Nützlichkeit, die sie als intellektueller Prozess bei der Ausbildung der Wissensarbeiter mitbrachte.”[3]
Insbesondere das Bildungsmodell am MIT in Cambridge suchte nach einer neuen Symbiose zwischen Geistes-, Natur- und Ingenieurwissenschaften und den visuellen Künsten in einer von Wissenschaft und Technologie geprägten Gesellschaft. Gyorgy Kepes fand hier eine stimulierende Umgebung vor, um Kunst, Technologie und Wissenschaft auf neue Weise zusammenzuführen. Die experimentelle Erforschung neuer technisch vermittelter Bildkulturen bildete nun das Fundament für die Architekturausbildung. Die Laboratorien des MIT, wesentlich gefördert vom militärisch-industriellen Komplex, bildeten dafür ein ideales Umfeld. Neue Wahrnehmungskulturen konnten hier erprobt und in künstlerisch-gestalterischen Experimenten getestet werden.[4]
Kepes gehörte insofern zu den intellektuellen Milieus, die beim Universitas-Projekt der Gegenwart zwar eine dramatische Krise der Beziehungen zwischen Menschen und deren Umwelt attestierten, zugleich aber in den neuen Kommunikationstechnologien wie Radio, Television und Computertechnologie die Chance sahen, die Interaktionen der Menschen mit ihrer Umgebung auf neue Weise zu einer new techno-democracy hinzuorganisieren. Dem Design kam dabei eine zentrale Rolle in der Vermittlung dieser Prozesse zu.[5] Er vertrat damit Positionen, die in den technikoptimistischen Intellektuellenzirkeln zwar weit verbreitet waren, doch zugleich deren Fortschreibungen hin zu einem technocratic managerialism ablehnten. Dass es sich dabei um einen Balanceakt handelte, wurde vor allem in den Beiträgen deutlich, die aus dem eher linken Spektrum kamen. Jean Baudrillard sprach von einer „politischen Ideologie des Designs, die heute im Umweltdiskurs planetarische Dimensionen annimmt. Von Gropius bis zu Universitas zieht sich eine ungebrochene Verbindung, die auf etwas zuführt, was wir Metadesign nennen könnten.“ Technologie unterstütze das Paradigma ungezügelten Fortschritts und im Zusammendenken von Umwelt und Kybernetik finde die Ideologie des Spätkapitalismus ihren idealen Ausdruck.[6] Diese Kritik brachte kybernetisch inspirierte Designansätze, wie sie besonders an amerikanischen Forschungs- und Bildungsinstitutionen propagiert wurden, in den Verdacht, technokratische, an Organisations- und Managementtheorien ausgerichtete Konzepte nun auch im Design zu befördern.
Zwischen diesen scheinbar unversöhnlichen Lagern zu vermitteln, dieses Ziel verfolgte Emilio Ambasz mit seiner Research-Education-Institution Universitas. Die Designhistorikerin Ingrid Halland betont in ihren Überlegungen zu dem Kongress außerdem, dass hier nicht nur Positionen vertreten waren, die die Disziplinen Design und Architektur mit westlicher Epistemologie rationaler Wissenschaft verbanden, sondern sich für ganzheitliche Ansätze aussprachen, die das Systemdenken der Kybernetik auf andere, nämlich, so Halland, metaphysische Weise fortschrieben. Fürsprecher solch eines Ansatzes war unter anderem Erich Jantsch, eine Schlüsselfigur im Club of Rome, der mit seiner Kritik des Paradigmas wissenschaftlicher Methoden und westlicher Rationalität den Vorschlag verband, gerade Design als Modus kreativen Handelns in unterschiedlichsten gesellschaftlichen Sphären und in Kooperation mit kulturellen, sozialen und politischen Strukturen zu denken.
Design solchermaßen als kreativen Handlungs- und Wissensmodus zu verstehen, bedeute nicht nur, sich von der Vorstellung eines individuellen Designers zu verabschieden. Mehr noch sah er die Zukunft des Designs jenseits der human-centredness. „Die meisten Systeme, die wir heute bauen, werden von Menschen mit technologisch erweiterten Fähigkeiten, Funktionen und Wünschen bewohnt werden.“ In diesem Kontext sprach Jantsch von einem Paradigma der „metaphysischen Techno-Menschlichkeit“, die wenig mit technokratischem Denken gemein hatte, sondern eher in Bezug zu zirkulärem Denken, Feedback-Loops, Biologie und Holismus stand.[7]
Im Universitas-Projekt bündelten sich schlaglichtartig die intellektuellen Debatten einer Zeit im Umbruch: die Gefährdungen des Planeten, die Fragwürdigkeit des bisherigen Wissensregimes, die politischen Instabilitäten und wachsenden Unsicherheiten menschlicher Existenz in einer von technisch-technologischen Systemen strukturierten Welt. Universitas verhandelte zwar Fragen der Relevanz von Architektur und Design als Wissens- und Handlungsmodi in dieser komplexen Krisensituation, doch im Kern ging es um den Status von „Institutionen“. Felicity Scott hat in ihren Überlegungen zu Universitas herausgestellt, dass Emilio Ambasz diese radikale Befragung des Status der Institution – und mit Universitas war unmittelbar eine Kritik an der Institution Universität verknüpft – als „Praxisexperiment“ und in einer Institution veranstaltete, die selbst eine radikale Erneuerung zu vollziehen hatte.
Wenn in New York scheinbar unversöhnliche intellektuelle Positionen aufeinandertrafen, dann brachten diese zugleich, so Scott, die Grenzen des disziplinär organisierten Wissens zum Ausdruck.[8] Die Ohnmacht des Denkens, Lehrens und Handelns bildete sich in den hitzigen Debatten ab, doch es ging Ambasz wohl kaum um das Vorführen dieser „Identitätskrisen“. Vielmehr und deshalb erweist sich dieses Ereignis bis in die Gegenwart als ein für unterschiedlichste Interpretationen und Erzählungen offenes Phänomen. Er praktizierte mit dieser Veranstaltung ein Verständnis von Design als Exploration in unbekannte Territorien des Denkens, als prozessuales, spekulatives und unabgeschlossenes Verfahren der Wissensproduktion angesichts unsicherer Zukünfte.
Warum könnten diese hier nur kursorisch skizzierten Überlegungen zum Universitas-Projekt einen überraschenden Bezugsrahmen zu einem Journal zum machine learning im digitalen Atlas Schools of Departure bereitstellen? Da ist zum einen die institutionelle Verwandtschaft: 1927 reiste AlfredBarr nach Dessau, weitere Besuche von Philip Johnson folgten 1929. Beide gründeten inspiriert von dieser spartenübergreifenden Schule, die Kunst, Design und Architektur als Reaktion auf die Herausforderungen der Moderne neu zusammenführte, ein Museum neuen Typs: das Museum of Modern Art.[9] Dass dessen im Erbe der Artefakte materialisierte legacy für die Krisenlagen der post-industriellen Gesellschaften kaum noch Orientierung anbieten konnte, bildete den Ausgangspunkt für Ambasz‘ ambitioniertes Vorhaben.
Sind nicht die Artefakte des historischen Bauhauses Dessau, gesammelt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht in Ausstellungen und Publikationen, heute mit einem vergleichbaren Bedeutungsverlust konfrontiert? Ambasz verband mit dem Unbehagen an dieser musealen Struktur den Vorschlag, über „Institutionalisierungen“ eher als in ständigen Veränderungen befindlichen zeitweiligen Gefügen nachzudenken, ein Hinweis, der den Suchbewegungen vieler heutiger Kultur- und Bildungsinstitutionen entgegenkommt, die über neue Allianzen, Strukturen und Praxen nachdenken. Dies führt unmittelbar zum zweiten Anknüpfungspunkt. Schließlich bot dieses Symposium einen Ort, an dem sich die diskursiven Fliehkräfte am Horizont der postindustriellen Gesellschaft zwischen der neoliberalen Ideologie der Technokratie, einer kritischen Beschäftigung mit den technischen Entwicklungen oder poststrukturalistischen und marxistischen Positionen durch Gespräche offenhalten lassen.
Mit Blick auf das Universitas-Projekt lassen sich die Beiträge dieses Bandes, die sich mit den Dilemmata und Paradoxien diverser technisch-technologischer Umgebungen für das Designlernen beschäftigen, auch als Einladung lesen, Möglichkeiten neuer Formen und Formate, Räume und Strukturen von Lernumgebungen als wandernde polyzentrische und vielstimmige Gefüge zu denken, die sich in unterschiedlichen Institutionen und Konstellationen weiterentwickeln und neue Universitas-Projekte entwerfen. Die mit diesem Journal angeregten Debatten verstehen sich als Beitrag zu diesem Gefüge.
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Abbildung rechts: Josef Albers, Titelbild des Katalogs zur Ausstellung ‘Machine Art’, New York, MoMA, 1934. Offsetdruck, 25.4 x 19.1 cm. The Museum of Modern Art Library. LI.72. © 2017 The Museum of Modern Art © The Josef and Anni Albers Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2025
(Dr. phil) ist Akademieleiterin und stellvertretende Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau und verantwortlich für die Konzeption und Lehre der Aufbaustudiengänge für Design, Bauhaus und Architekturforschung. Sie kuratierte zahlreiche Ausstellungen zum Bauhaus und zur Kulturgeschichte der Moderne. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehören: internationale Architektur- und Stadtforschung, Moderne und Migration, Kulturgeschichte der Moderne und Denkmalpflege. Die Ergebnisse ihrer Forschung und Lehre wurden in zahlreichen Publikationen veröffentlicht. Sie studierte Kulturwissenschaften und Kunstgeschichte an der Universität Leipzig und promovierte am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2019 ist sie Honorarprofessorin am Institut für Europäische Kunstgeschichte und Archäologien der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.