Die Gesamtform der Ciudad Universitaria von Bogotá wird häufig als „Eulenform“ beschrieben – ein Bild, das sich aus der zwischen 1936 und 1940 entwickelten Masterplanung ergibt. Die charakteristische Silhouette entsteht durch die symmetrische Anordnung der wichtigsten Gebäudeachsen, die sich wie Flügel seitlich ausbreiten, während zentrale Fakultäts- und Verwaltungsbauten den „Kopf“ bilden. Diese Wahrnehmung ist weniger das Ergebnis einer bewusst zoomorphen Planung als vielmehr Ausdruck von Leopoldo Rothers streng rationalem und zugleich organischem Entwurfsansatz: Die funktionalen Zonen des Campus gruppieren sich logisch um zentrale Erschließungsachsen, deren Geschwungenheit und Proportionen im Luftbild eine beinahe figurative Gestalt erzeugen.
Die „Eule“ ist damit ein interpretatives, symbolisch starkes Bild. Sie betont die Rolle der kolumbianischen Nationaluniversität als Ort des Wissens, der Weisheit und der wissenschaftlichen Wachsamkeit – Eigenschaften, die dem Tier traditionell zugeschrieben werden. Gleichzeitig verweist die Form auf Rothers Fähigkeit, funktionale Modernität mit einer subtilen, nicht dogmatischen landschaftlichen Integration zu verbinden. Die Eulenmetapher bietet daher eine zusätzliche Lesart des Campus: nicht nur als rational geplantes Ensemble, sondern auch als kulturelles Symbol eines intellektuellen Territoriums im Herzen Bogotás.