Das 1967 von dem Künstler, Designer und Theoretiker des Sehens Gyorgy Kepes am Massachusetts Institute of Technology (MIT) gegründete Center for Advanced Visual Studies (CAVS) ermöglichte es interdisziplinären Projekten, die bildenden Künste mit Wissenschaft und Technik zu vereinen. Kepes beschrieb die Mission des Centers als Kultivierung „eines Idioms der Zusammenarbeit“. Indem er Künstler an das MIT brachte, wollte er eine neue Form experimenteller Kreativität hervorbringen. Das Konzept beruhte auf dem Vorbild der Denkfabrik der Mitte des 20. Jahrhunderts und bezog sich ausdrücklich auf das Center for Advanced Study der Universität Princeton.

 

Im Gegensatz zu den eigentlichen Ambitionen des Centers sorgten die realisierten Projekte sofort für Kontroversen. Es organisierte 1970 die ersten kollaborativen Ausstellungen in der Hayden Gallery des MIT. Ein aufwendiges neues Medienspektakel namens Exploration zeigte die Arbeiten der Gründungsfellows des Centers, der Künstler Jack Burnham, Ted Kraynik, Otto Piene, Harold Tovish, Wen-Ying Tsai, Stan Vanderbeek und Takis Vassilakis. Dabei wurde mit motorisierten Skulpturen, elektrischem Licht und synthetischen Materialien wie polarisiertem Kunststoff ein Scheinbild der Natur geschaffen.

 

Die Reaktionen waren brutal. Der Kunstkritiker Lawrence Alloway denunzierte die Show als „frivole und abstoßende Technologiefantasie“. Seine Reaktion spiegelte die Rezeption ähnlicher Kunstprojekte wider. Sowohl das Kunst- und Technikprogramm am Los Angeles County Museum of Art (LACMA) als auch die Performances, die die Organisation Experiments in Art and Technology (E. A. T.) ermöglichte, wurden meist als Fehlschläge beschrieben. Diese Reaktionen reflektierten eine technologiefeindliche Haltung, die sich durch das fortgesetzte Engagement der USA in Vietnam verstärkte. Für viele waren Wissenschaft und Technik untrennbar mit Waffen und Kriegsführung verbunden.

 

Diese Kritik wurde an Kepes‘ CAVS alltäglich. Tatsächlich hatte Kepes Exploration als US-Beitrag für die zehnte Biennale in São Paulo organisiert, musste aber die ursprüngliche Show absagen, nachdem neun von 23 Künstlern sie boykottierten. Sie richteten sich damit gegen das brasilianische Militärregime, das 1964 durch einen Staatsstreich an die Macht gekommen war – und zwar mit Unterstützung der US-Regierung. Das Proteststatement der Künstler kursierte in einem berüchtigten Dossier namens „Non a la Biennale de São Paulo“. Sein Titelbild präsentierte elegant den Imperialismus der US-Außenpolitik.

 

Das schärfste Statement in dem Protestdossier war ein Brief des Künstlers Robert Smithson an Kepes, der implizierte, Kepes sei ein Mitschuldiger des Kriegs – obwohl er ein bekennender Pazifist war, der den Krieg in Vietnam verurteilte. „Die Macht der Technologie mithilfe der Kunst zu feiern, erscheint mir wie eine traurige Parodie der NASA“, schrieb Smithson in sarkastischem Ton. „Wenn die Technologie überhaupt eine Chance haben soll, muss sie selbstkritischer werden. Wer nach Teamwork sucht, sollte zur Armee gehen. Eine Podiumsdiskussion unter dem Titel ,Was stimmt nicht mit der technologischen Kunst?‘ könnte helfen.“ Der Brief passte zu den Antikriegsprotesten, die damals am MIT ausbrachen und die sich gegen die boomende Rüstungsforschung am Institut richteten. Einige dieser Protestinterventionen nahmen ganz direkt Kepes und sein Center ins Visier.

 

Diese bezeichnende Episode reflektiert den wesentlichen Widerspruch von Kepes‘ CAVS: Das Center leitete eine bemerkenswert innovative Art der Kunstproduktion über die Grenzen der Disziplinen hinweg ein und wurde genau dadurch in den militärisch-industriellen Komplex verstrickt, der die Ära des Vietnamkriegs definierte.

John R. Blakinger

ist Stiftungsdozent für zeitgenössische Kunst und Direktor des Kunstgeschichtsprogramms an der University of Arkansas. Sein Buch Gyorgy Kepes: Undreaming the Bauhaus (MIT Press, 2019) wurde von der New York Times als „Best Art Book of 2019“ gewürdigt und war Finalist beim PROSE Award in Art History & Criticism 2020, den die Verlegervereinigung Association of American Publishers vergibt. In Forschung und Lehre befasst sich Blakinger mit Kunst, Wissenschaft und Medientechnologien, der Beziehung zwischen Ästhetik und Politik sowie Protest und Aktivismus in Kunst und Geisteswissenschaften.

Porträtfoto von Gyorgy Kepes, 1967. Foto: Ivan Massar. Mit freundlicher Genehmigung der Center for Advanced Visual Studies Special Collection, MIT Program in Art, Culture and Technology. © Massachusetts Institute of Technology.
Innenaufnahme, Center for Advanced Visual Studies, um 1969. Foto: Nishan Bichajian. Mit freundlicher Genehmigung der Center for Advanced Visual Studies Special Collection, MIT Program in Art, Culture and Technology. © Massachusetts Institute of Technology.
Innenaufnahme, Center for Advanced Visual Studies, um 1969. Foto: Nishan Bichajian. Mit freundlicher Genehmigung der Center for Advanced Visual Studies Special Collection, MIT Program in Art, Culture and Technology. © Massachusetts Institute of Technology.
Blick auf die Installation Exploration, Hayden Gallery, MIT, 1970. Foto: Nishan Bichajian. Mit freundlicher Genehmigung der Center for Advanced Visual Studies Special Collection, MIT Program in Art, Culture and Technology. © Massachusetts Institute of Technology.
Gyorgy Kepes mit William Wainwright, Photoelastic walk, 1969 (Detail). Foto: Nishan Bichajian. Mit freundlicher Genehmigung der Center for Advanced Visual Studies Special Collection, MIT Program in Art, Culture and Technology. © Massachusetts Institute of Technology and the Estate of Gyorgy Kepes.
Ted Kraynik, Video-luminar light mural, 1969 (Detail). Foto: Nishan Bichajian. Mit freundlicher Genehmigung der Center for Advanced Visual Studies Special Collection, MIT Program in Art, Culture and Technology. © Massachusetts Institute of Technology.
„Non a la Biennale de São Paulo“, Fotokopie des Dossiers, 1969. Mit freundlicher Genehmigung der Center for Advanced Visual Studies Special Collection, MIT Program in Art, Culture and Technology.
Protest im Instrumentation Laboratory am Massachusetts Institute of Technology, 5. November 1969. Mit freundlicher Genehmigung des MIT-Museums, Cambridge, Massachusetts.
Streikposter für die Studierendenproteste am Massachusetts Institute of Technology, veröffentlicht in Old Mole, 15. Mai bis 28. Mai 1970.
Pamphlet für den Council for Conscious Existence (CCE), 1969. Gyorgy Kepes papers, 1909–2003, Bereich 1935–1985. Archives of American Art, Smithsonian Institution.