Das National Institute of Design (NID) war die erste formale Einrichtung Indiens, die Ausbildungsgänge für Designer*innen anbot. Die Schule wurde 1961 mit dem Ziel gegründet, Gestaltung im nun unabhängigen indischen Staat als Instrument für den nationalen Aufbau zu etablieren. Die strategische Zusammenarbeit mit der HfG Ulm verortete das NID von seiner Gründung an in einem starken internationalen Netzwerk der Zusammenarbeit im Bereich des Designs. Gleichzeitig stellte die Gestaltung der Gesellschaften, Sprachen und Haltungen auf postkolonialem Boden in einem Land mit reicher kultureller Tradition von Kunst und Handwerk eine immense Herausforderung und Verantwortung für die wegweisende Institution dar.

 

Der India Report des amerikanischen Designerduos Charles und Ray Eames legte die Notwendigkeit einer Einrichtung dar, die im Bereich Design aus dem kulturell entwickelten Erbe des Landes  schöpft, um modernes Industriedesign zu definieren. So sollte die sorgfältig strukturierte Grundlehre am NID sowohl designpädagogische Ansätze des Bauhauses und der HfG Ulm miteinander verbinden, als auch durch die Entwicklung eigener Methoden adäquat auf die indische Lebensrealität zu reagieren. Im Laufe dieses Prozesses wurden der Campus, die Stadt und das Land zu Orten und Themen für eine fortschrittliche und unabhängige Designausbildung, die darauf abzielte, einen besseren Lebensstandard für die indische Bevölkerung zu bieten.

 

Vor dem Hintergrund westlicher Modernisierungskonzepte, die in Entwicklungsländer exportiert wurden, suchte das NID nach alternativen, postkolonialen Praktiken für wirtschaftlichen und sozialen Wandel. Die Mitarbeiter*innen der Schule strebten danach, sich von der westlichen Hegemonie zu lösen, die Design mit formalen ästhetischen Werten verband, und sich stattdessen bei der Gestaltung von Gebrauchsgegenständen mit einheimischen und “angemessenen” Technologien zu befassen. Später wurde das NID zu einem wichtigen transnationalen Zentrum für diese neue Definition von Design, die sich vom westlichen Verständnis entfernte. Mit dem Ziel, das Industriedesign nicht mehr in eine hierarchisch übergeordnete Position zu setzen, die die Moderne definierte, legte das NID zunächst die Gleichwertigkeit des Designs aus konzeptioneller Sicht dar, wie es in der Geschichte des Landes existiert hatte: Die Anerkennung organisch und kulturell entwickelter Gestaltungsweisen bildete die Grundlage für das Erlernen moderner Designprozesse.

 

Als Flaggschiff für ein neues Indien stand das NID vor der Aufgabe, einkommensschwache Verbraucher*innen und Produzent*innen aus einer überwiegend ländlichen Bevölkerung am neuen Gestaltungsdenken teilhaben zu lassen, während es gleichzeitig auf die Dynamik eines auf Industrialisierung ausgerichteten Modernisierungsprozesses reagierte. Die herausragenden Pädagogen H. Kumar Vyas und Singanapalli Balaram betonten in ihren Schriften und Vorlesungen kontinuierlich die Suche nach einem Kontext für indische Designer*innen—einen Kontext, der eine einzigartige Relevanz für die unmittelbaren Alltagsbedürfnisse innerhalb der indischen Umgebung aufweist und deren soziale, politische, wirtschaftliche und kulturelle Rahmenbedingungen, sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart, berücksichtigt.

 

Dieser Ansatz ist im Lehrplan des NID deutlich erkennbar: Zum Beispiel waren die Studierenden im ersten Jahr verpflichtet, lokale Handwerkskulturen in sogenannten Handwerksdokumentationen zu studieren. Besonders in einer Kultur, in der die Übertragung von künstlerischem Wissen hauptsächlich mündlich erfolgte, in der schriftliche Aufzeichnungen die Existenz von Kunst zwar erwähnten, aber diesen allgegenwärtigen Reichtum und dieses Erbe selten dokumentierten, wo selbst das strenge Lehrer-Schüler-Training ein hohes Maß an stillschweigendem Verständnis entwickelt. Die Gestaltung der Designausbildung als zeitgebundener Lehrplan selbst stellte eine beispiellose Komplexität und Herausforderung dar.

 

Ashoke Chatterjee, ein weiterer prominenter Pädagoge am NID, weist darauf hin, dass Design sich stets am Markt beweisen müsse. Ein Projekt, das die am NID vermittelte Designausbildung auf ihre Relevanz hin überprüfte, war die wirtschaftliche Entwicklung des sogenannten Jawaja-Blocks—einer der geografisch herausforderndsten und sozial marginalisiertesten Regionen des Bundesstaates Rajasthan. Obwohl es sich nicht primär um ein Handwerksprojekt handelte, entwickelte es sich zu einem gemeinschaftlichen Experiment zwischen dem NID und dem Indian Institute of Management (IIM), Ahmedabad, mit dem Ziel, die Selbstständigkeit im ländlichen Ökosystem zu fördern. Das Handwerk wurde zu einem zentralen Element dieses Projekts, um dem heimischen Kleingewerbe internationalen Marktzugang zu schaffen und so die moderne Designsprache mit den vorhandenen Ressourcen der Menschen, dem traditionellen Wissen und den Fähigkeiten zu integrieren.

 

Die NIDs sind weiterhin als staatliche Bildungs- und Forschungseinrichtungen für Industrie-, Kommunikations-, Textil- und IT-integriertes (experimentelles) Design in Ahmedabad, Bangalore, Kurukshetra, Vijayawada, Jorhat und Bhopal aktiv. Sie unterstehen der Zuständigkeit des indischen Ministeriums für Handel und Industrie und wurden gemäß dem National Institutes of Design Act 2014 als Einrichtungen von nationaler Bedeutung anerkannt.

 

Auswahlbibliographie

Singanapalli Balaram. Thinking Design. Ahmedabad: National Institute of Design, 1998.
Suchitra Balasubrahmanyan. ‘Designing Life in India’, in: Bauhaus Imaginista, ed. Marion von Osten and Grant Watson. London/New York: Thames & Hudson, 2019.
Regina Bittner, ‘On Behalf of Progressive Design: Two Modern Campuses in Transcultural Dialogue’, in: Moving Away (Bauhaus Imaginista, 2018-2019).
Ashoke Chatterjee. ‘A Route to Self-reliance’, interview by Carolyn Jongeward, October 20, 1997. Online, accessed 6 September 2023.
Charles and Ray Eames. The India Report. Ahmedabad: National Institute of Design, 1997.
H. Kumar Vyas. ‘Design History: An Alternative Approach’, in: Design Issues 22/4 (October 2006), pp. 27-34.

Studentische Übungen entstanden in S Balaram’s Klasse an der Fakultät für Industriedesign © S Balaram
Gajanan Upadhyaya’s Stühle (1978) im Auditorium des NID, Bauhaus Lab 2017 © Stiftung Bauhaus Dessau, NID
Gebäude des NID © NID Archives
Hans Gugelot mit Studierenden am NID, 1965 , Foto: unbekannt © Gugelot Archiv Hamburg
NID Metallwerkstatt, 1960er Jahre © KMC Photo Archive National Institute of Design
Gautam Sarabhai und Douglas Ensminger (Ford Foundation) mit Studierenden in einer Ausstellung des Grundlagenprogramms am NID, ca. 1966 © S Balaram
Studentische Übungen 1964-1969 publiziert im Gründungsprogramm des National Institute of Design, Ahmedabad, 1969 © National Institute of Design, Knowledge Management Center, Archive Collection